Farah Days Tagebuch, 4

Samstag, 3. November 2012

Gerade steigt Berg aus dem Wagen. Er zieht den Kamelhaarmantel eng um die breiten Schultern. Es ist Nacht. (Paul ist unterwegs zum Club. Die Information machte schnell die Runde. Die beiden kennen sich nicht.)
Berg kennt nur seinen cremefarbenen Wagen und mich. Wir küssen uns jetzt. Berg küsst erstaunlich gut, es macht ihm Freude. Ich kann auch küssen, aber nicht so gut wie Berg. Ich brauche es nicht so sehr
(dachte ich, bevor ich Berg kennenlernte).
Jetzt habe ich meine Meinung geändert. Bergs Behinderung ist nicht so stark. Er ist langsam mit der Sprache. Sein Haar schimmert im Mondlicht. Unter dem Mantel trägt er schmeichelnde Materialien, dunkel und weich. Irgendwo werden zähe, überlebensfähige Tiere geschoren, damit Berg diese Pullis tragen kann. Ich hab’ ihm erzählt, wo die Tiere herkommen, doch er hat es vergessen. Obwohl es ihm damals gefallen hat, wo die Tiere herkommen.
Berg hat einen untrüglichen Instinkt dafür, sich vorteilhaft zu kleiden; seine Glieder brauchen Halt.
Auf diese Weise wurde ich seiner zum ersten Mal gewahr:
Ich war in der Nähe, als er aus seinem Wagen stieg. Ich sah schwarzes Haar, glänzend wie die Flanken eines erhitzten Pferdes. Ich hielt inne: Blitzartige Assoziationen von galoppierenden Herden, Nüstern, der berauschende Duft nasser Pferdehaut erschienen vor meinem inneren Auge.
Ich blieb stehen.
Ein nichtiger Zufall. Meine Neugier war geweckt. Ich beobachtete, wie sich hinter dem Haarschopf auf merkwürdig ruckende Weise ein (allem Anschein nach) prächtiger Körper aus dem Wagen schob. Die Bewegungen des Fremden waren durch eine hauchdünne Dissonanz gekennzeichnet. Schon in diesem kurzen Augenblick, der unverbindlichen Geste des aus dem Wagen Steigens, bemerkte ich die Störung. Sie erschien mir vertraut und überaus charmant.
Wie Pferde sich durch ständiges Zucken von Mücken zu befreien suchen. (Ich sah sie sofort vor mir.) Mächtige Körper, deren geballte Kraft auch in der Regungslosigkeit offensichtlich ist. Sah vor mir die Ruhe, die nur durch das unvermittelte, heftige Zusammenzucken der unter der Haut liegenden Muskeln unterbrochen wird: so bewegt er sich. Berg. Er vibriert oft kurz, und, wie es scheint, völlig gedankenlos. Der exquisite Mantel schwingt dabei schwer und langsam um den Körper. Es ist immer, als ob ich zwei Wesen beobachte, die zufällig ihren Platz in ein- und demselben Körper gefunden haben: ein schnelles, nervöses, und ein ruhendes, dessen Bewegung durch das erste verursacht wird, um Bruchteile von Sekunden zu spät.
Während Berg an diesem ersten Tag die Autotür schloß, überlegte ich in fieberhafter Eile, unter welchem Vorwand ich mich ihm nähern könnte. Ich war sehr nervös. Die Straße war unbelebt.

2 Gedanken zu „Farah Days Tagebuch, 4

  1. Interessante Einführung einer neuen Person. Aber auf wen bezieht sich “vor ihrem inneren Auge”? Oder wird hier auch ein (mir, klar, vertrautes) Stilmittel eingeführt, das die Perspektiven changieren läßt? Und was für eine “Störung” (Behinderung) ist gemeint? Das will ich jetzt wissen.

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