Miss TT fasst sich ein Herz

„Wie läuft es denn so?“ schreibe ich. „Verkauft sich Fettberg gut, oder muss ich mich erst öffentlich ausziehen?“
„Tu’s!“ schreibt die Verlegerin zurück.

Ihr Augenzwinkern (und meines) hin- oder her: was für eine merkwürdige Zeit. Mein erster Roman ist auf dem Markt! Was kann ich noch für ihn tun, jetzt, nachdem er flügge ist? Ich habe etwas in die Waagschale geworfen, nun soll das Buch auch gekauft und gelesen werden – oder ist das zu viel verlangt angesichts der Schwemme von Neuerscheinungen? Sollte ich mehr öffentliche Lesungen machen? Den kleinen Verlag in seinen Werbemaßnahmen besser unterstützen?
Diejenigen, die direkt auf mich zukommen, sind sehr angetan.
„Ich habe es nicht aus der Hand legen können!“ sagte ein neuer Geschäftspartner vorgestern Abend. „Kompliment, Frau Kiehl. Das Buch ist spannend. Schräg. Und die Namen Ihrer Figuren – die mag ich besonders. Rehlein beispielsweise.“
„J u s t u s Rehlein“ sage ich.
„Der Gerechte…“ grinst er.
Sein offenes Interesse sagt mir, dass wir gut zusammenarbeiten werden. Überhaupt läuft im Bereich der Lohnarbeit alles reibungslos. Ich werde beauftragt, lege gute Leistung vor, die Leistung wird gewürdigt und honoriert. Ich liebe solche einfachen Kausalzusammenhänge. In der Kunst gibt’s die nicht. (und das ist auch gut so)
„Wie lange hast Du gebraucht für den Roman?“ fragt die Assistentin des Geschäftsführers, die neben uns steht.
„Die Rohfassung entstand während meines einjährigen Atelierstipendiums in Paris“ sage ich. „Die wurde publiziert, als szenisches Skript, von einem französischen Verlag. Vor zwei Jahren beschloss ich dann, mich noch einmal dran zu setzen und Fettberg als Roman auszuarbeiten. Ich wollte vor allem, dass er auf Deutsch vorliegt.“
„Mir hat er auch sehr gefallen“ lächelt sie. „Hab’ ihn in einer Nacht durchgelesen, das letzte Stück noch im Zug auf dem Weg ins Büro, weil ich unbedingt wissen wollte, wie er ausgeht.“
„Genau so hab’ ich mir das vorgestellt“ sage ich.
„Aber ist es nicht irgendwie unverhältnismäßig, man schreibt jahrelang an einem Buch, und dann lesen es die Leute einfach so in einem Rutsch durch?“ fragt sie.
„Ist wie beim Essen“ kommentiert mein Begleiter. „Man kocht stundenlang, und die Gäste schieben es sich innerhalb von Minuten rein.“
Wir lachen. Und ich wundere mich ein bisschen, wie selten ich auf die zweite Ebene meines Romans angesprochen werde. Auf den Hunger. Den physischen, seelischen, geistigen, gesellschaftlichen, den überbordenden Hunger und die Fragen, die er aufwirft. Fettberg ist mehr als ein schräger Thriller. Seine Fragestellung betrifft uns alle, er spielt auf dem Schlachtfeld, auf dem sich der eigene Hunger gegen die immer gewiefteren Eindämmungsmaßnahmen der Gesellschaft auflehnt.

Eben schüttelt der Morgen sein Regenkleid ab; nur hin- und wieder noch das Geräusch eines Blattes, das sich seiner Wasserlast entledigt. *plitsch*
Die Tauben gurren aus Leibeskraft.
Ein guter Tag, um meinen Roman zu bestellen, geschätzte Leser:innen!

Lächelnd, Ihre
Miss TT

18 Gedanken zu „Miss TT fasst sich ein Herz

  1. Meine Empfehlung: “Fettberg” lesen! Sowieso. Schade, liebe Miss TT, dass Sie nicht zur Eröffnung von “Mountains of disbelief” kommen konnten, da hätten Sie noch mehr Lob hören können. Freundin U., der ich den Roman geschenkt habe, war ganz begeistert. Meine Frau Mama hat erst hinein gelesen und wird sicher was zu schlucken kriegen, ist sie doch ganz dezidiert eine Vertreterin des “Maßhaltens”.

    Herzliche Grüße!

    • Liebe Melusine, ich beiße mir noch immer in den Arsch, dass ich nicht kommen konnte. Aber ich hatte in der Stiftung zu tun und der Anlass war zu wichtig, als dass ich mich irgendwann heimlich hätte davonschleichen können.
      Grrr.
      Ihre Leseempfehlung indes freut mich weiterhin sehr. Vor allem, weil Sie den Roman auf eben die Aspekte hin besprochen haben, die mir so wichtig sind. Ist ja auch mein erster. Da kann eine den Hals gar nicht voll genug kriegen. Schon gar nicht eine so hungrige Frau.

  2. Ich bin noch mittendrin, deshalb hab ich auch noch keine Rezension geschrieben. Grad macht Doktor Tense das Fett und die Fetten zur Schnecke. Und ich ertappe mich, dass ich – die Tolerante, Liebenswerte, Verständnisvolle – ziemlich fies bin. Und tief drinnen in mir denke, dass alle Fetten undiszipliniert und faul und wahrscheinlich ein bisschen dumm sind. (Natürlich würde ich so etwas niemals laut sagen) Das ist kein gutes Gefühl, um ehrlich zu sein, sich selbst dabei zu ertappen, wie man Klischees und Vorurteilen ausgeliefert ist.

    Ich mag das Buch sehr. Und wenn ich fertig bin, gibts mehr.

    • Liebe Frau Testsiegerin, ich hab’s laut gesagt, na, meinen Doc laut sagen lassen, und mir ist immer noch ein wenig flau deswegen ; )
      Die Sache mit den Vor-Urteilen, die längst schon Urteile geworden sind gesellschaftlich: Hunger nach Anerkennung beispielsweise (möglichst in einem Körper, der diesen auch straff kommuniziert) genießt ja hohes Ansehen, aber wehe, man schleppt ihn auch in seinen physischen Nebenwirkungen mit sich herum.

      Bin sehr gespannt, was Sie sagen, wenn Sie fertig gelesen haben!

  3. Liebe Phyllis,
    die Gier, zu verschlingen, und die Gier, verschlungen zu werden, scheinen, wenn nicht eins, doch mindestens Schwestern zu sein.
    Ich habe in der Buchhandlung, in der ich arbeite, ständig soviel Stoff zur Verfügung, dass ich so gut wie nie auf die Idee komme, mir etwas extra zu bestellen. Aber diese zweite (eigentliche?) Ebene des Romans interessiert mich, also werde ich ihn wohl demnächst lesen (und auch Rückmeldung geben).
    LG, Iris

    • Phyllis an Iris (Klingt einfach gut ; )

      Gerade fällt mir ein, dass ich mir immer vorstellte, wie Gynäkologen wohl abends zu ihrer Frau, so sie eine haben, nach Hause gehen. Und dann womöglich denken, ach, und jetzt auch d i e noch. Ist aber wahrscheinlich genauso ein Vorurteil wie jenes, dass ein Übermaß an Büchern irgendwann zum Überdruss führen könnte : )

      Was die zweite Ebene betrifft, ja, die ist mir durchaus die eigentliche. Sagen wir es so: Die schrille Story hat die Künstlerin geschrieben, die wuchtige Frage dahinter stammt von einer Frau, aus deren Mund viele andere mitsprechen, denke ich. Freue mich auf Ihre Rückmeldung!

      LG, Phyllis

    • Iris an Phyllis Überdruss? Nö. Ich habe einen schier unstillbaren Hunger, was Lesestoff betrifft. Das Einzige, was manchmal nervt, ist das immer auf dem neuesten Stand sein Müssen. Aber da ich sowieso nicht alles lesen kann, treffe ich meine Auswahl nach Lust und Laune. Und auf Fettberg habe ich jetzt Lust.
      🙂

  4. Is’ ja komisch, grad gestern sinnierte ich über etwa die selben Fragen http://nwschlinkert.de/2012/05/18/die-literaturblase/ Mmh. Sollte es neben dem Medienkulturkampf um das Urheberrecht noch weitere relevante Fragen geben? Immerhin sollte man feststellen: jeder Leser zählt, und zwar nicht als Teil der Masse, sondern allein für sich als ein Ganzes. Viele Ganze zusammen ist natürlich dann auch ganz wunderbar, keine Frage. Ich seh grad, Ihr Fettberg ist ja nur wenige Zentimeter entfernt und kann zur Bestellung angeklickt werden! Oder wartet er bereits in meinem Regal auf das Hinausgezogenwerden? Mmh.

    • Das gedeihliche Miteinander, von dem Sie drüben bei sich schreiben, gilt besonders für Bücherschaften in Regalen. Da stehen sie innig (manchmal sogar sinnig) eines am anderen und selbst der Fettberg braucht nur anderthalb Zentimeter oder so.
      Und vielleicht schau’n Sie manchmal hin und denken: Na, der steht da doch gut noch ein Weilchen, auch ungelesen. Aber passen Sie auf! Er wächst jedes Jahr um mehrere Zentimeter in die Breite, wenn man ihn zu lange ignoriert…

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