Runter vom Kitsch

Es ist kein ruhiges Schippern auf’m Fluss, mit jungen Leuten zu arbeiten. Da braucht’s keinen Motor, sondern Segel, möglichst viele verschiedene. Es war speziell, diesmal Melusine >>> an der Seite zu haben: wie ein Tanz auf den Wellen. Schon erstaunlich, sich von Anfang an so zu verstehen bei einer Zusammenarbeit, kein Stress, kein Aufplustern, einfach zwei Frauen, die ins gleiche Nebelhorn blasen.
Grrr, muss wieder runter von diesem Seglerbild ; )
Was ich sagen will: es geht nicht um Kitsch. Oder um Vorturnen. Wir sind doch nicht bescheuert. Bin ich Komplizin des Mädchens, das niemals lächelt? Was habe ich gemein mit einem jungen Mann, der Mechatroniker werden will? Soll ich dem erzählen, dass alles gut wird, wenn er nur eine schöne Kurzgeschichte bei mir schreibt? Quatsch. Ich kann ihm ja noch nicht mal sagen, dass ich da sein werde, um ihm die Hand zu schütteln, wenn er es schafft, einen Ausbildungsplatz zu bekommen.
Was ich allerdings kann: eine Situation erzeugen, die sich möglichst selbstverständlich anfühlt, ohne normal zu sein. Das ist meine Erfahrung. Es gibt talentierte Jugendliche, die sich selbstständig Situationen mit der Aussicht auf Erfolgserlebnisse schaffen können; für die ist so ein Schreibworkshop eine Möglichkeit unter vielen. Doch für Leute wie jene, die wir seit letzter Woche kennen gelernt haben, fühlt sich Jungsein ganz offensichtlich nicht wie ein Fächer von Möglichkeiten an. Nix mit „multi-optionale Persönlichkeit“ – ein Wort, das mir eine Personalberaterin mal zuflüsterte vor langer Zeit.
Was „geht“, ist tatsächlich, diese Normalität anzubieten. Die Leute zusammenzubringen und zu sagen, so machen wir das hier, wir sind Trainer:innen, Ihr könnt Eure Phantasie und Schreibtraining gut gebrauchen, sonst unterschätzt man Euch, also los. Das mit dem Unterschätztwerden muss man übrigens nicht lange erklären, es wird sofort verstanden.

Sie wundern sich vielleicht, warum ich die trunkenen Kommentare von heute Nacht hab’ stehenlassen. Na, als Kontrast. „Multikultifiepsnippel“ ist schon eine ziemlich einmalige Wortschöpfung. Was allerdings dahinter steht – die Unterstellung des Manipulativen, der Vorturnerin – weise ich weit von mir. Ich lehne Zynismus ab.

3 Gedanken zu „Runter vom Kitsch

  1. Ohja, das Unterschätztwerden ist für Jugendliche ganz alltäglich, ich kann mich gut daran erinnern. Dazu kommt, daß man dann doch gefälligst wenigstens eine Sache gut machen soll, nämlich die, die man trotz allem machen darf, die man grade eben noch bekommt. Bei mir war’s die Tischlerlehre, die ich machen durfte, und da waren schon einige überrascht, daß ich die mit dem Gesellenbrief beendet habe. Ich für meinen Teil habe mich damals (ohne alle Anleitung) intensiv mit allem Drum und Dran dem Schreiben und besonders der bildenden Kunst gewidmet, und was soll ich sagen, damit habe ich mir den Arsch gerettet. Natürlich haben mich viele immer noch für doof gehalten, aber ich konnte denen Paroli bieten mit einer Haltung, die ich mir selbst erarbeitet habe und die ich zu vermitteln wußte. Zeigen und ausdrücken zu können, was man denkt und was man will, ist gar nicht zu überschätzen.

    • Sie haben, lieber Norbert, Ihr eigenes Unterschätztwordensein ganz offensichtlich in Wildentschlossenheit und Intensität überführt. Ich hoff’, das gelingt auch dem ein- oder anderen meiner Schüler.

    • Ich wollte u.a. einfach nicht, daß die anderen recht haben, bevor ich überhaupt angefangen habe, das zu machen, was ich will. Heute kann man mich so viel unterschätzen, wie man lustig ist, ist mir schnuppe!

      Der ein oder andere Ihrer Schüler wird sicher zu einer Entschlossenheit kommen, die allen gut tut, da bin ich sicher!

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