Von Fingerhüten und anderen Talismanen

Halbe Strecke. Ein Seminar noch – das letzte in diesem Jahr – danach eine Woche Feintuning mit der Lektorin, das war’s dann mit Hochgeschwindigkeit. Für alle weiteren Aktivitäten bis zum Jahresende steige ich in den Bummelzug um. Hab’ ich schon berichtet, dass die Lesung im Weltkulturenmuseum ein Erfolg war? Da spielte sicherlich mit, dass mir Bühnen aufgrund hoher Seminardichte momentan so selbstverständlich erscheinen. Könnte glatt weitermachen jetzt. Solang’ ich am darauffolgenden Tag nix reden muss. “Ich würde alles darum geben, Ihr Verleger zu sein” sagte mir ein ebensolcher nach meinem Auftritt vorgestern. Wow. Ist das zu fassen. Verzeihen Sie, aber das m u s s ich einfach berichten; solche Sätze sind Energiedepots für schwierige Tage. Da schweigt selbst der Impostor mal für ein paar Stunden.
Jedenfalls, es gab viel Lächeln und Beifall, die Freund:innen waren erschienen, Tusker natürlich, die literarischen Verbündeten ebenfalls, dazu ein mehr oder weniger gediegenes Publikum, kluge Gesichter, ein paar ältere Herrschaften. Anscheinend hat’s allen gefallen. Sie wundern sich, dass ich mich wundere? Sie kennen mich doch ; )
Die Kollegin, mit der ich ab Februar im Weltkulturen Museum ein Schreib-Projekt für junge Erwachsene verwirklichen werde, Leiterin der Bildungsabteilung, war ebenfalls da. Strahlte. Bislang hatten wir “nur” über’s Konzept gesprochen, jetzt hat sie einen besseren Eindruck, mit wem sie’s zu tun haben wird im kommenden Frühling. Ach, noch etwas: in der zweiten Reihe saß ein Mann, mit dem mich eine besondere Geschichte verbindet. Liegt viele Jahre zurück. Das waren wirtschaftlich höchst unsichere Zeiten für mich damals. Ich erinnere mich genau an den Tag, an dem er sie mir überreichte. “Das ist die “Trust-me-card”” sagte er. “Benutze sie, bevor Du in Not gerätst. Du musst nicht mit mir darüber sprechen und auch keine Rechenschaft ablegen.”
Jedes Jahr bekam ich eine neue. Ich verwendete sie nie, doch sie steckte als Talisman in meinem Geldbeutel. War ungeheuer beruhigend. Ich wünschte, alle Künstler:innen hätten jemanden, der ihnen für die ersten Straucheljahre eine Trustmecard schenkt.
Warum ich Ihnen das erzähle? Ist doch offensichtlich, oder?
Eben fällt mir meine Großmutter ein, die immer in den Wald ging, um dort Fingerhüte zu pflanzen. Einfach so. Als Kind fragte ich sie natürlich mal, warum; ich war schließlich oft dabei.
Warum nicht? fragte sie zurück.

Guten Morgen, geschätzte Leser:innen!

16:02
Ich will ja nicht meckern, aber irgendwie ist’s mir auf TT in letzter Zeit ein bißchen z u ruhig. Wenn der Stress vorbei ist, werd’ ich mal wieder ein bißchen Randale machen. Das hier ist immer noch ein Atelier, keine Kapelle.

16 Gedanken zu „Von Fingerhüten und anderen Talismanen

  1. Dann woll’n wir mal! Ich habe soeben meine Textarbeit für heute beendet, ohne etwas auf meinem Blog geschrieben zu haben. Schließlich habe ich ja (noch) kein Tagesjournal. Warum schreibt im Moment kaum jemand auf TT, das fragen Sie sich doch, und zwar zurecht. Die einfache Antwort, die Sie selbst andeuteten: Sie reizen im Moment zu lobender Zustimmung statt zu Widerspruch, ohne irgendwelche Hilfe zu benötigen. Die meisten Bekannten in der Nachbarschaft haben immer die, die kein eigenes Werkzeug besitzen, an jeder Hand fünf Daumen haben und auch sonst gerne mal ohne Schlüssel die Wohnung verlassen. Die sind niedlicher als die, die es gebacken kriegen, den Verwirrten ist immer gut helfen, da fühlt man sich gleich besser. Bringen Sie mal wieder Ihren Impostor aber so richtig tiefgreifend ins Spiel, Sie werden sich vor Kommentaren nicht retten können! Amen.

    • Das, lieber Norbert, wäre eine einleuchtende Deutung. Doch das hieße ja, eine muss sich strauchelig zeigen, um kommentabel zu sein.
      Ich möchte das nicht glauben. Nein, ich vermute, es liegt am Wind. Oder an zeitweilig verklebten Performationsdüsen. Oder daran, dass die Mohairdecken momentan wieder so pillen. Oder gar Mottenlöcher haben, die zu stopfen sind. Dann die Sorge um den Euro. Man weiß ja nicht, ob man sein vieles Geld eingraben oder besser gleich verschenken soll. Sie sehen …

    • Wem das Stopfen von Mottenlöchern, liebe Phyllis, wichtiger ist als auf TT zu kommentieren, dem ist nicht zu helfen. Ja, ja, der Wind … Was das Eingraben seiner Euros betrifft, so wäre es sicher gut, ein eigenes Grundstück dafür zu haben. Und wie sagte Moralelastix ganz richtig: “Viele Münzen vergrabener Steuern wird man noch in ein paar Jahrhunderten finden.” (Asterix und der Kupferkessel. S.7) Ich habe mich also gegen das Vergraben entschieden und gebe das Geld den Armen, also dem armen Vermieter, dem armen Supermarkt, der armen Krankenkasse … Aber hält mich das vom Kommentieren ab? Nein! Und wenn es Ihnen noch so gut geht!

    • Dass Sie jener Verleger mit seinen Worten so umwarf, liebe Phyllis, liegt nicht zuerst an Ihnen, will ich meinen. Solche Form von Anerkennung ist selten geworden und wird weitläufig gar nicht mehr beherrscht. Wie ich Ihr feines Wahrnehmungsvermögen kenne, war es durch und durch ernst und sehr persönlich gemeint.

      Was kann jetzt Leser:in dazu sagen?
      Ich vergönn’s Ihnen? Hm…
      So what? Hm…
      Hey, wie toll? JA!!

      Das Konzept der mitfühlenden Anerkennung ist allgemein in Verstoß geraten, um’s mal pybürotechnisch auszudrücken. In den letzten Jahren haben wir verstärkt ein intensives Gespür für Schuld entwickelt und zwar in dem Sinne: “In Schuld gerate ich nur, wenn ich etwas brauche. Solange ich also nichts brauche, was mir ohnehin zusteht, bin ich nichts schuldig. Doch sobald ich in Schuld gerate, bin ich geliefert.” Der Mottenfraß hat große Löcher im moralischen Empfinden verursacht, behaupte ich. Dicht an dicht gedrängt bilden sie mittlerweile eine durchgängige Performationslinie. Ich fürchte, dass der letzte Ruck nicht mehr viel Kraft erfordern wird.

      Der Gedanke einer “Trust-me-card” (ich stelle mir dabei eine “prepaid creditcard” vor, stimmt das so?) ist ganz wunderbar und sollte weiter um sich greifen, sollte die Gesellschaft als Ganzes erfassen. Und vielleicht könnte man sie umtaufen in “we-trust-you-card”. Das wäre eine feine Möglichkeit, der abgrenzenden Schuldkultur etwas von ihrer frostigen Erstickungsgewalt zu nehmen und wieder etwas mehr luftiges Schamgefühl in das Miteinander zu weben. Ist es in Wahrheit nicht beschämend, ungeschuldet erbrachte Leistung nicht anzuerkennen? Nur anzuerkennen, was ich haben will, was ich unmittelbar brauche, was ich zu Geld ver:werten kann?
      Ich freute mich im Stillen mit Ihnen – nun schreibe ich’s auch hierher. Und bitte erzählen Sie immer wieder von solchen Ereignissen!

      @NWS
      Nach Ihrem explosiven Weckruf koch’ ich mir jetzt ein linderndes Zwiebelsüppchen. (ich kenn’ sie auch alle)

    • Was soll ich groß sagen: Sie haben, lieber Kienspan, mit dem zur (Un-) Kultur des Miteinanders Gesagten absolut recht, dem ist nichts hinzuzufügen, außer der Wunsch, die Lage möge sich bessern. Immerhin hat schon Christian Thomasius in seiner “Einleitung zur Sittenlehre” von 1692 vom Decorum gesprochen und auch sonst eben solche Unsitten beklagt.
      Das einzige, was ich nicht begreife ist, wie ein Zwiebelsüppchen lindernd sein kann.

    • sie lindert den Hunger und schmeckt ; ) btw: “Moralelastix” erschien vor vier Jahrzehnten – welch’ ungeahnte Weitsicht!
      PS: danach haben wieder einige Sesterzchen im Kesselchen Platz… : )

    • Apropos Weitsicht: In ‘Asterix als Legionär’ ist zum Beispiel ein Grieche, der, kaum im Militärlager angekommen, Kartenspielen geht und dabei eine Menge Geld gewinnt. Auch eine Möglichkeit, Defizite auszugleichen.
      So, ich mach mir jetzt ein Tomatensüppchen, Zwiebeln sind nicht mein Gemüse; Hauptsache, es lindert, und das tut’s ;–)

  2. Die Zeit im Übergang zwischen den Jahreszeiten…. …. also auch die zwischen Herbst und Winter nennt man, in der traditionellen chinesischen Elementelehre, Doyo. Diese Übergangszeiten sind dem Element Erde zugeordnet. Zwischen Herbst und Winter dauert sie vom 30.10. bis zum 14.11.. In diesen Tagen paßt sich jeglicher Organ:ismus an die energetische Richtungsänderung an. Die Zeit zwischen den Zeiten steht also auf Rückzug und Anpassung. Viele Menschen nehmen das heute nicht mehr wahr, die meisten können allerdings, bedingt durch ihren Job, darauf auch keine Rücksicht mehr nehmen, weil zum Jahresende der Rubel nochmal richtig rollen soll. Es entwickelt sich das Empfinden, viel mehr Kraft als sonst für den Job aufwenden zu müssen, aber auch das Gefühl, keine Zeit mehr für irgendetwas zur Verfügung zu haben.

    In unserer Firma gibt’s ein Phänomen. Gerade im letzten Quartal des Jahres, wenn die Körper uneigentlich Zeit und Ruhe für diese Umstellung und Anpassung bräuchten, laufen sie alle wie aufgescheuchte Hühner durch die Gegend. Die Nervenkostüme liegen am Boden, können noch nichtemal aufgehoben werden, weil keine Kraft mehr da ist. “Hoffentlich ist dieses Jahr bald zu Ende”….. Anfang Januar liegen dann nicht nur die Nervenkostüme am Boden, manche kommen auf allen Vieren ins Büro gekrochen. “Das Jahr fängt ja gut an”, heißt’s dann immer.

    Ihre Großmutter pflanzte Fingerhüte? Schon klar, die Elfen brauchen ständig neue Käppchen, weil sie nicht sehr umsichtig damit umgehen. Eine andere wichtige Eigenschaft…. wenn Sie mal in einem Wald am Tage die Richtung verlieren sollten, suchen sie auf Lichtungen nach Fingerhüten. Warum? Fingerhüte richten ihre Blüten, wenn sie auf Lichtungen stehen, immer nach Süden aus. 🙂

    • @Syra_Stein In meinem Fall rollen die Rubel, die mich durchs Jahr bringen, im Frühjahr, Herbst und Winter. Im Sommer hab’ ich ziemlich frei. Gut, oder? Nur, leider, ist grade Winter und die Vorräte müssen in die Hölle, äh, Höhle … : )
      Die ist dann zwar irgendwann gefüllt, aber die Akkus, oh weh. Viel natürlicher fühlte es sich an, wenn sich die Heinzelmännchen um die Vorräte kümmern würden, und ich so zwischen Badewanne und Lesesofa – Sie wissen schon!

      Danke für den Tipp mit den Fingerhüten!

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