2 Gedanken zu „William Vollmann / The Royal Family

  1. The Mark of Cain Mein erster Satz von „The Royal Family“ hat Sie veranlasst, „das Buch per Mausklick meinem riesigen „zu lesen“ – Stapel hinzuzufügen“? Na dann, viel Saß, Diermißtietie!

    Ein Buch wie ein Hammerschlag.

    Eine Geschichte von Liebe und Finsternis: Philip Marlow trifft Madame Butterfly. Daneben dann das Prostituiertenmilieu in the Tenderloin. Also die Lebensumstände der Hure Sonija in amerikanische Echtzeit, Dostojewski im Unendlichen Spaß. Aber nicht in der Zukunft, sondern in den späten Achtzigern, die Leute haben keine cell phones, sondern sprechen sich auf die Anrufbeantworter.

    Wie bei Wallace ist es auch hier manchmal so fürchterlich, ekelig, erschreckend, ab und an konnte ich nicht mehr weiter lesen. Drogen, Dreck, Prostitution, Gewalt, Kälte Krankheit, Verbrechen, Blut, Fehlgeburten, Homeless, Vergewaltigung, Crackpfeifen, Abtreibung, Gefängnis, Garagen, Gänge, Tunnel, Hotelruinen, Kindesmissbrauch, Perverse, Exkremente, Kretins. Alkoholiker kotzen auf den Tisch. Schläger schlagen Schädel ein. Anwälte schreiben Verträge, Investoren investieren Millionen. Sex ohne jede Grenze (und ich meine: jede), Sex, von dem man vielleicht lieber nicht gehört hätte, bar jeder Erotik, bar jeder Pornographie sogar.

    Und die Große Liebe. Und die Geschichte von Kain und Abel. Und eisiges Geschäft in Las Vegas. Und schwarze Magie, black mystik derer mit aufgeplatzter, entzündeter Haut. Und saubere Vorgärten in Sacramento, wo ordentlich der Rasen gemäht wird. Alle Menschen sind gezeichnet. Bürgerliche Welt als ausgedientes Modell. Man hat Dante gelesen und Tolstoy, Muttern zitiert „The Possessed“ und offenbart einen feinsinnigen, perfiden, ich-höre-hey-you-fucking-chink-Rassismus. Vollmann zitiert die Bibel allerorten. Und tatsächlich: Glaube-Liebe-Hoffnung selbst bei dem schmierigsten Heroin-Verticker; selbst die härteste Prostituierte schmerzt, auch wenn es bereits das 4. Mal ist, das Stück Sterblichkeit, das abgetrieben wird.

    Da ist ein Mann so einsam und so traurig. So allein. Das tut weh, wie macht der Vollmann das bloß? Dann wird spät eine neue Figur eingeführt und dann spricht plötzlich der Erzähler mit einem.

    Schreiben kann der, der Vollmann, gestochen scharf, ergreifend bisweilen, höchst unterhaltsam, witzig manchmal. Man stolpert über Vieles, blättert oft zurück und liest nach, ist vor den Kopf gestoßen von banger Ahnung oder plötzlicher Erkenntnis. Gelesene Gegenwart ist überraschend oft Vergangenheit oder Zukunft.

    Und es geschieht etwas Fürchterliches. Haben Sie zufällig „Die Wohlgesinnten“ gelesen? Und ist es Ihnen dann vielleicht auch so gegangen, dass man nach einer Zeit ganz vergisst, dass die Mordgeschichten der Einsatzgruppen erzählt werden? Man fiebert unbewusst mit, denkt und fühlt ganz automatisch irgendwann mit dem Erzählenden – und mit einem Ruck fährt man plötzlich auf, das Blut gefriert einem in den Adern und man wird aschfahl, weil man sich in die Seele eines Judenschlächters hat hineinziehen lassen. So eine Stelle gibt es da auch, in „The Royal Family“. Es geht da nicht um die Shoah, aber auch um ziemlich Unaussprechliches.

    Muss man so etwas lesen? Na ja, vielleicht nicht. Aber wenn Literatur d a s kann … Wenn ein Roman in großer Sprache so tief auszuloten vermag, die Einsamkeit, die Verzweiflung, die Ruiniertheit und die Ruinen so tief auszuloten vermag, ja dann …. In dem Wallace-Blog hatte Thorsten Krämer über „Unendlicher Spaß“ geschrieben, „das Buch wühlt mich nicht auf, verunsichert mich nicht, schleudert mich nicht in gefährliche neue Zusammenhänge“. Nun, mich damals schon – und The Royal Family heute auch!! Und ich bin erst zu 2/3 durch.

    Beste Grüße

    NO

    • Werter Dr. NO, auf die Gefahr hin, Ihnen zu schmeicheln: S o mag ich Buchbesprechungen! Da leg‘ ich doch die Ohren an, die echten und die falschen,
      und lass‘ mich mit geblecktem Fell (ja, das geht) in fast jeden literarischen Schlund ziehen! Von Ihnen.

      LOve it!

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