Liebte der Osten anders?

Arte und seine verflixten Themenabende! Nach dem Mauerfall die ersten Beate Uhse Busse, die auf die Markt- und Bahnhofsplätze rollten, umlagert. Nein, nicht vorgreifen. Lang vorher gab’s die Parade der Freikörperkulturleute, nackte Körper auf den Wagen, Honecker lächelnd auf der Tribüne. Der Sozialismus förderte PrivatSex, gab Gratispillen ab sechzehn aus und legalisierte Abtreibungen, als im Westen schon längst alles öffentlich durchkommerzialisiert war, aber Abtreibung pfui. Wie wichtig ist Sex in Ihrer Beziehung, fragt der Reporter im Osten und die Leute, nu ja, zögerlich reagierten die nicht. Von der Fast-Omi bis zur fröhlichen Nachwuchsschlampe schienen sich alle einig. Und die verbotenen Pornos, die konnte man ja, wenn auch nicht gefahrlos, selbst produzieren und unter der Hand verkaufen, berichtete ein gediegen wirkendes Paar. Hihi. Der Sozialismus, verkündete ein Arzt im Ost-TV vor einer Lenin-Büste, bejaht die Lebensfreude und die Sexualität.
Ich wurde schwer aggressiv. Kam erst nicht dahinter. Blaffte Tusker an, der nur wissen wollte, warum ich mitten im Themenabend plötzlich aufstand und mir Klamotten überzog- ich wollte das nicht nackt ansehen.
– Was los, fragte er.
– Wir haben keine Refugien, sagte ich, egal in welchem politischen System, wir werden gegängelt bis unter die verdammte Unterhose.
– Hey, ist doch lustig, erwiderte er, die haben doch ihr eigenes Ding gemacht.
– Nee. Die wurden genauso zur Paarung aufgerufen wie wir. Wenn du Massen billig im Zaum halten willst, mach’ Sex zum Thema, auf die ein- oder andere Weise.
– Der ist aber doch sowieso da, sagte er. Die im Osten scheinen einfach lockerer damit umgegangen zu sein.
– Ja, toll. Nacktparade vor dem Regierungschef.
Komisch – mich irritierte diese politisch subventionierte Freizügigkeit mehr als das Sex als Ware – Ding, mit dem ich groß geworden bin. Dieses „hihi wir ficken doch alle gerne“ kam mir beim Zuschauen fast perfider vor als der kommerzialisierte Sex-Stress im Westen, für den man/frau sich erstmal qualifizieren muss durch Körperwettbewerb. Davon lässt sich’s wenigstens distanzieren. Vor dem fröhlich geteilten Gratisglück aber gibt’s kein Entrinnen. (Hey, Kumpel, leih’ mir mal deine Kamera.)
Sorry. Aber Sex ist eine heikle Angelegenheit. Immer gewesen. Wenn ein System ihn mit öffentlichem Schulterklopfen belohnt, ist das keine Freiheit, sondern politische Vereinnahmung der Privatsphäre. Keinen Deut besser als jene, die bei uns betrieben wird. Wie befreit man sich vom Befreitwerden?

(“Liebte der Osten anders?” Wiederholung der Sendung morgen)

81 Gedanken zu „Liebte der Osten anders?

  1. Sexualität ist dann “heikel”, wenn sie an das ÜberIch eines Individualitätsphantasmas gekoppelt ist, dass in einer Leistungsgesellschaft der Bewertung untersteht. In einer stark egalisierten Gesellschaft, in der das ÜberICH delegiert wird an einen Gemeinschaftsphantsma ist Sexualität nicht heikel, weil sie hier nicht allein aufgepumpt werden kann zur einzig seelig machenden Lebenserfüllung. und Lebensdarstellung. Deshalb war Sexualität in der DDR leichter zu haben und leichter zu vollziehen. Sie hatte zwar auch hier einen Marktwert , aber der war nicht an ein Individalitätsphantasma gekoppelt : Sage mir wir oft mit wem und wie guckt du fickst und ich sage dir, wer du bist – so etwas gab es in der DDR nicht als allein durchschlagendes Gewicht. Dass Sex ein offizielles Thema war, stimmt nicht. Er war nur nicht-reglementiert ausserhalb der offiziellen Sphäre und deshalb konnte er eine leichtere Spielwiese sein. Zudem war das offizielle Frauenbild ein nichtbürgerliches. Und wurde von offizieller Seite nichtbürgerlich gehandhabt. Das ändert nichts daran, dass es nicht auch in der DDR attraktive und unattrakive Frauen gab (oder Männer) Es wurde genauso geflirtet oder geworben, und es war auch kitzlig und spanend, aber es war nicht “heikel”. Die “Heikelkeit” entsteht erst mit dem Individualitätsphantasma, dass Menschen auf Leistung/Körper/Sex reduziert. Deshalb wurde der Westdeutsche auch immer als verklemmt wahrgenommen, weil der Körper und der Sex für ihn “heikel” ist.

    • Interessant Heike wie sie da für alle Menschen in der ganzen DDR sprechen wollen, ich glaube davon kein Wort.
      Ich glaube auch nicht daran, dass der Mensch in der DDR den Westler als verklemmt wahrgenommen hat, der, den und Wir so etwas existiert gar nicht, man mag ja versucht haben das ganze Volks auszuspionieren, aber gelungen ist es gar nicht.

    • Die heikle Heike (who the heck is Heike?) sollte ja auch kein Überbegriff werden – zumindest nicht von meiner Seite. Ich schilderte einen subjektiven Eindruck, den eine Dokumentation in mir auslöste. Fand die Gegenüberstellung von Ost und West in ihrem Umgang mit Sexualität interessant. Und, was den politischen Aspekt daran betrifft, eben irritierend. Maße mir aber nicht an, allgemeingültige Aussagen über “den Osten” zu machen.
      Und hoffe auch, der Text, obwohl das böse “F”-Verb drin vorkommt, zieht jetzt nicht allzuviel Kommentar-Balgerei auf sich. Man könnte ja stattdessen einfach mal eigene Eindrücke schildern, statt gleich wieder das Sticheleisen auszupacken.

    • Meine eigenen Eindrücke, was die Verklemmungen betrifft, beziehen sich auf persönliche Erlebnisse mit Westdeutschen Urlaubern kurz nach der Wende an diversen Ostsee-Stränden. Die konnten und wollten partout nicht verstehen, wie man mit Nacktheit so egalitär umgehen kann Ich habe selbst erlebt, wie es zu streiterischen Wortwechseln kam zwischen uns Brüder und Schwestern. Es bleibt der heimliche Skandal: Die DDR war mies und als Konzept nicht zu halten, aber der Sex w a r – im Durchschnitt selbstverständlicher, leichter.

  2. Genau darüber — übers Befreien vom Befreitwerden — habe ich mal laut nachgedacht. Es ist der letztgültige Terror. Ich schätze, Ihr Zorn ist dem meinen verwandt. Nur habe ich das Zwangsbefreitwerden noch etwas weiter gefaßt. Die Frage ist, wie dem zu entgehen wäre. Ich fürchte, nur durch Schweigen. Durch konsequente Ausklammerung aus den Diskursen.

  3. Wenn ich mich recht entsinne, schrieb Bornemann schon vor mehr als 30 Jahren, dass die Linken den besseren Sex hätten. An die Nachweisführung kann ich mich leider nicht erinnern – wie an so manch anderes auch nicht mehr… ; )

    Als Antwort auf Ihre abschließende Frage schlage ich vor: durch “Renaturierung” der Begierde und des Begehrens.

  4. In der DDR, soweit ich das von außen und aus Gesprächen mit Freundinnen erfahren habe, wurde weniger über Sex geredet. Man hatte aber mehr Sex als im Westen. Das klingt so banal, scheint mir aber eine naheliegende Relation. Die ständige Aufladung des Sex von den mittelalterlichen Hexenverfolgungen, über die Psychoanalyse bis zur heutigen „Pornographisierung des Alltags“ führt dazu, dass es schwieriger wird befriedigenden Sex zu haben, da er nicht nur s e i n , sondern vor allem etwas b e d e u t e n (Sünde, Mysterium, Liebe, Warenwert…) soll.

    Ich habe die Situation kurz nach der Wende als sehr entspannt erlebt. Nackt sein hieß nicht, „zeigefreudig“ sein. Man war´s halt. Man schämt sich nicht, aber man war auch nicht erotisiert. Der Körper war kein Objekt (weder der Selbstdarstellung noch der Wahrnehmung), sondern Teil von einem selbst. Viel weniger als im Westen traf man (damals noch) auf sexualisierte Werbung. Der Sex, den man in der DDR hatte, erzählen mir Freunde, sollte nix weiter als Spaß machen. Er schien ihnen, glaube ich, tatsächlich nicht „heikel“.

    Vielleicht ist es ja auch so, dass „wir“ (oder einige von uns) das „Heikle“ nicht aufgeben wollen , weil wir uns vor dem Verlust an Bedeutung(en) fürchten. Tatsächlich könnte ich mir vorstellen, dass in einer Gesellschaft, die hierarchisch „flacher“ wäre (vor allem auch zwischen den Geschlechtern), das Verhältnis zur Sexualität einfacher ist. Man hat Sex und genießt ihn. Mehr gibt´s dazu nicht zu sagen. Dann hat auch der Verlust des Subjektstatus beim Sex geringere Fallhöhe. In anderen Worten: Sex im Sozialismus ist nicht romantisch, ihm fehlt die Sehnsucht, denn er ist erfüllt.

    (Fette Worte, ich nehme sie in Klammer halb zurück, denn tatsächlich – das ist nur eine Vermutung!)

    • Waren nicht zu fett, die worte. Melusine. Der Romantisierungs- und Bedeutungsübergriff, der (heute) in Sachen Sex abgeht- ist ein ziemlich grauenhaft und kann als sexuelle Verarmung empfunden werden.

    • Sehr richtig Sandor, sehr richtig und ernsthaft über etwas zu reden das nicht mehr ist, halte ich für ziemlich seltsam.
      Warum nicht über den FaschistenSex reden?

    • @MelusineB & Sando Da ist definitiv was dran. Dass mit Überladung eine Verarmung einhergehen könnte. Und dass ich mit meinem Bestehen auf dem “heikel” eine diffuse Furcht vor dem Verlust dieser Aufladung ausdrückte. Denn sie fühlt sich für mich so natürlich an wie für andere das Natürlichsein.
      Muss nochmal darüber nachdenken.

    • @Zarist dass es nicht mehr ist, kann man so nicht sagen. Es gibt ja noch viele sexuell aktive Menschen, die im Osten sozialisiert wurden. Ausserdem – warum sollte man nicht über etwas reden, das noch erinnert werden kann, bzw. sogar noch lebt. Vielleicht könnte man die Gesellschaft sogar umkrempeln – mit einem veränderten Bezug zum Sex. Aber dazu müsste es mitten im Kapitalismus den Mut zur privaten Egalisierung geben. Und wie das funktionieren soll, ist mir auch nicht so recht klar. Weil der Leistungsgedanke bei uns ans Subjekt gekoppelt ist und nicht an die Gemeinschaft. Deshalb artikuliert sich die Gesellschaft in sexuellen Belangen oft armseelig und unerfüllt oder psychoanalytisch.

  5. Die Frage muss doch eher lauten, liebte der “Osten” überhaupt, oder war nicht alles eher von Zweckehe, verzweifelter Geschlechtstätigkeit und Schnaps geprägt. Wahrscheinlich ist Liebe im Sozialismus, oder präziser, für Sozialisten überhaupt nicht möglich.

    • Na na, was ist denn das für eine Billigprovokation so kurz vor Mitternacht. Ich rate eh dringend, jetzt zu den Freuden des Fleisches (meinetwegen auch des Träumens) überzugehen und weiteres Kommentieren auf morgen zu vertagen! ; )

  6. Kann man überhaupt eine Beurteilung aufgrund eines Fernsehreports vornehmen?
    Ich habe nur ein Erlebnis in Ostdeutschland gehabt, da schwang so vieles mit, was ich in Westdeutschland vermissen würde. Aber ich glaube nicht, dass ich etwas über Sex in Ostdeutschland urteilen könnte. Ich sehe etwas anderes. Die Zusatzinformationen zu Schallplatten, die in Ostdeutschland produziert wurden, waren um ein Haus besser oder tiefer gehend als die von der Deutschen Grammophon oder anderen Produzenten.
    Vielleicht führt eine politische Unterdrückung eher in eine innere Emigration. Und da könnte Liebe und Sex sich möglicherweise viel intensiver entwickeln.
    Aber ehrlich gesagt. ihr Posting bedeutet für mich eindeutig, dass mir Sex im Osten besser gefallen würde als im Westen, genau der Vergleiche wegen, die Sie angeführt haben.
    Leider kann ich mich über das Erlebnis nicht weiter auslassen, das hatte nämlich ein paar Begleitmomente, an die ich mich heute noch gerne erinnere. Inklusive der fast panischen Angst, dass ich an der Grenze ein Problem bekommen würde, weil mein Visum um 24:00 abgelaufen war, ich mich aber nicht rechtzeitig trennen konnte. Es war einfach zu schön. Auf den eineinhalb Stunden, die ich dann von Leipzig nach Magdeburg benötigte, war ich nur beschäftigt, mir Ausreden auszudenken, warum ich nicht früher die DDR verlassen konnte. (Es gab dann allerdings überhaupt kein Problem.)
    Eigentlich kann ich mich heute noch freuen, was es für verrückte Sachen in meinem Leben gegeben hat;)

    • Nein, Steppenhund, kann man nicht. Zumindest keine, die der komplexen Realität gerecht wird, von der jede noch so gute Dokumentation nur einen Bruchteil beleuchten kann. Mir ging’s aber auch nicht um Urteile. Sondern um meine Abwehrreaktion. Die bezog sich einerseits auf meinen Eindruck, dass Sexualität im Osten statt für kommerzielle eben für politische Anliegen instrumentalisiert wurde. (Ob das “stimmt”, kann ich nicht beurteilen – es war aber eine der Aussagen der Dokumentation. Viele Kommentator:innen, die aus eigener Erfahrung schreiben, haben dem ja widersprochen.) Meine Vermutung jedenfalls war schlicht: Jedes politische System benutzt die Triebe und Bedürfnisse der Bevölkerung auf seine Weise. Der Behauptung, im Osten hätten die Leute mehr Spaß am Sex gehabt, ist ja damit nicht widersprochen. Nur, inwieweit dieser, sagen wir “natürlichere” Umgang mit der Sexualität einem System politischer Unterdrückung genehm sein könnte … wie sich eine auch öffentlich propagierte Freizügigkeit missbrauchen ließe, um beispielsweise dem Westen gegenüber aufzutrumpfen – da setzte meine Abwehrreaktion ein.

      Meine andere Irritation ist schwieriger in Worte zu fassen. Mich interessiert Aufladung und Überhöhung im Erotischen, eben dieses heikel sein, von dem ich ursprünglich schrieb. Auch Scheu. Auch Verstelltsein. Scham. Das Nichtgelingen. Das Zaudern und stattdessen was anderes machen und das dann bereuen. Auch die Idee, was mit Liebes- und sexuellen Energien passiert, wenn sie keinen Spielraum haben und sich dann andere Ventile suchen. Nackig machen und Spaß haben finde ich als Vorstellung unsexy, ich kann schon das Wort “Spaß” nicht leiden. Schon klar, das klingt jetzt alles etwas spröde. Bin ich aber gar nicht : )
      Ich sprach gestern noch mit einem Freund darüber. Der schilderte erotische Erfahrungen, die den von Ihnen und anderen angedeuteten gleichen, fügte aber etwas hinzu, das ich spannend fand: Er sagte, die Menschen, die er in der ehemaligen DDR kennen gelernt habe, seien näher an ihren Gefühlen gewesen. Hätten schneller gelacht und geweint. Seien einfach offener gewesen, zu-traulicher und direkter. Heikel war das Außen, nicht das Private.

    • @Phillis Vielleicht sind wir es jetzt auch, die das Private ausklammern. Als recht aktives Mitglied im Internet habe ich – schon früher – festgestellt, dass ich über die damalige Zeit nichts im Internet finde. Nichts über das Musical “Decameronical”, nichts über eine Schauspielerin, deren Name ich kenne. Beim erneuten Versuch habe ich eine Referenz auf eine LP gefunden, auf der möglicherweise meine Halle’sche Bekanntschaft das Lied gesungen hat “Sag nicht auf Wiedersehen”. Das war 1979. Das könnte hinkommen. 1983 ist sie dann von Leipzig in die Schweiz emigriert.
      Aber die ganze Zeit ist internetmäßig tot.
      Ich bin ja schon froh, wenn ich einen Link wie diesen finde.
      http://www.springerlink.com/content/h573648737722q09/
      Auf dem Institut Phytopatologie in Aschersleben habe ich insgesamt 25 Wochen gearbeitet. Der eine der Schmidts war damals Direktor. Ein wunderbarer Mann, dessen Länge immer wie zusammengeklappt erschien, wenn er sich in seinen Trabbi hinein schlichtete. Ein Mensch, der nie aus der DDR emigriert wäre, aber darunter gelitten hat, dass er nicht auf internationale Konferenzen durfte, zu denen er eingeladen war. er muss ein sehr guter Wissenschaftler gewesen sein.
      Selbst das beobachtende KP-Mitglied in dem Institut war ein wohlgelittener Mensch. Wahrscheinlich waren auch seine Berichte über mich “favourable”, denn ich hatte während meiner Arbeitszeiten in der DDR nie Anstände.

      Eine Vermutung: dadurch, dass es weniger Input von außen gab, (die kommunistische Gehirnwäsche strengt die Kontemplation nicht so sehr an) war der Mensch veranlasst, mehr zu lesen, mehr zu sich selbst zu finden. Und das kann schon sehr wohl auf auf das Liebesleben Einfluss gehabt haben.
      Genauso, wie man ja in der U-bahn in Moskau viel mehr Leute Bücher lesen sah, als das bei uns der Fall war oder ist.

      Und eine kleine fast nicht dazu gehörende Anekdote von meinem letzten Urlaub in Herceg Novi in Montenegro. Auf den Liegestühlen konnte ich ein Paar sehen, dass mir irgendwie gefiel. Zuerst einmal die Frau – in den besten Jahren, sicher schon 40 -, rothaarig mit einem unheimlich netten Lächeln, mit dem sie spielerisch mit ihrem Partner scherzte. Und er, ein Russe, mit hellbraunen Haaren, fast spießbürgerlich aber sehr gut aussehend, absolut nicht der typische neureiche Russe, wie er jetzt die Urlaubsorte bereist oder in noblen Hotels wohnt. Er las in einem Buch, was für mich immer eine Herausforderung darstellt, heraus zu finden, um welches Buch es sich handelt. Ich war sehr überrascht, Master und Margarita auf russisch zu entdecken.
      Ich wollte die beiden ansprechen, aber es kam erst ein paar Tage später vor meiner Abreise dazu. Ich sprach sie an und erzählte, wie sehr ich mich freute, wenn ich jemand das Buch lesen sah. Es stellte sich heraus, dass er ein Bauingenieur war. Wir führten ein kurzes, aber sehr nettes Gespräch und ich bedauerte, dass ich sie nicht schon früher angesprochen hatte. Es wären sicher interessante Unterhaltungen geworden. Aber ich finde das schon ziemlich gut, wenn ein Ingenieur – bin ja selber einer – so ein Buch liest. Der Master und Margarita ist selbst für Russen sehr schwer zu lesen, weil die verwendete Sprache viele Phrasen verwendet, die man nicht so leicht lernt. (Das gleiche gilt übrigens for Ivo Andric, den die Serben zwar in der Schule lesen müssen, aber todunglücklich sind, weil sie die Sprache kaum verstehen – zu viele bosnische Redewendungen.) Ich habe bei der Gelegenheit feststellen müssen, dass mein Russisch nach zwanzig Jahren noch immer viel besser ist, als die Fragmente an Serbisch, die ich mir langsam aneigne. Anscheinend wird das Lernen von neuen Sprachen doch langsam schwieriger als es das war;)

  7. “Vor dem fröhlich geteilten Gratisglück aber gibt’s kein Entrinnen.” Da steckt viel Wahrheit drin. Ohne die Aufladung wäre Sex eine banale Bedürfnisbefriedigung, das so eine Gewese drum gemacht wird, hat auch Religion wie Kunst überhaupt erst mit geschaffen, wer das abschaffen will, schafft mehrere Jahrtausende Kulturgeschichte ab, nur zu, weg vom Individualitätsphantasma, Maojoppe raus, selbst unter denen sind wir alle nackt, ich traue da immer noch eher Heine, kommunistische Rettungsphantasmen, die Gerechtigkeit nur von der Gleichheit denken können, sind und waren mir immer ein Graus, von diesem Individualitätsphantasma lebt die Kunst, mich gruselte es, wenn wir es nie gehabt hätten, ich stand noch ergriffen im Markusdom und danke den Menschen für Byzantismus, Rennaissance, Barock und seine Stilleben.

    • Ja! Diadorim, danke.

      Wie aus der wolkenzerrissenen Nacht die Sonne, Anahit also, heraufsteigt, doch drehn wir uns drunter (alle die schlummernden Dächer, die rotgelb darunter erwachen, den Wipfeln des Hainpar­kes bei) – wisse, mein Sohn, um die Astronomie. Die innere Astro­nomie kenn aber auch, die von Menschen dem Menschen ge­machte, und sieh ihn, meine Junge, den Sonnengang, weiter als Inkarnation heller Göttinnen an. Sie sind das Nahe und nicht die Mechanik. Profanes ist‘s nie. Aufladung ist das Geheimnis: be­wußte Verklärung. Uns rettet nur beides zugleich: Wissenschaft und unser Traum. Analysen sind nötig, doch das, was sich selbst übersteigt, schaffen sie nicht. Sie blasen nicht in die Syrinx, noch daß sie aus ragenden Bäumen Basiliken bögen. Sie schneiden nach 気 mit Skalpellen.
      >>>> Das bleibende Thier, Zweite Elegie.

    • @diadorim …schöne Diskussion – die Verlustangstfronten liegen offen da – klar dass dann schnell irgendwann die Mao-Jacke eingereicht wird, aber das Argument mit Kunst und Kultur kann man weglassen. Die gab es nämlich schon, als der Mensch noch kein Individualitätsphantasma kannte, siehe Höhenmalerei, siehe Totenbuch, siehe Gilgamesch etc…

    • @Sando zum Vowissen. Die gab es nämlich schon, als der Mensch noch kein Individualitätsphantasma kannte, siehe Höhenmalerei, siehe Totenbuch, siehe Gilgamesch etc…Woher wissen Sie, daß es ein – und was soll das sein? – ‘Individualitätsphantasma’ da noch nicht gab? Inwiefern überhaupt “Phantasma”? Gestorben ist man vermutlich auch damals wie heute: allein. Sofern Bewußtsein vorausgesetzt werden kann, hat man das auch gewußt. Hat man möglicherweise kollektiv die malende Hand geführt? Saß man zusammen und diskutierte, was gemalt werden solle, und stimmte dann drüber ab? Und alle waren dazu talentiert, weil auch alle, selbstverständlich, die gleichen Fähigkeiten hatten? – Ich weiß, daß das rhetorisch gefragt ist. Das ist es aber mit Grund, weil mir der Gedanke schlüssiger zu sein scheint, daß es ein Kollektivphantasma gebe – kurz: Ideologie.

    • @Albannikolaiherbst Ich denke, man kann unterscheiden zwischen den Zeiten, bzw. sich hineinversetzen in eine Mentalität, als Menschen sich mit ihren Toten verbunden wussten, sei es als Ahnen oder als Geister. Tatsächlich darf man für diese Zeiten davon ausgehen, dass dieser Mensch sich kollektiv gewusst und kollektiv empfunden hat, und zwar kollektiv mit den Lebenden und den Toten – die eben nicht wirklich tod waren. Ebenso wie die gejagten Tiere oder das Sterben bei der Jagd eine kollektive Kommunion mit Blut und Tod war. Der Tod war nicht so eine aufgeladene dämonisch entrückte Sphäre, wie er für uns heute sich darstellt. Er war näher, gesellschaftlicher und gehörte zum Alltag. Dass der Mensch wirklich allein stirbt oder im tot allein ist, dürfte eine sehr junge und sehr neuzeitliche Erscheinung sein. Meiner Meinung nach ist Sakralkunst eine kollektive Leistung von kollektiven Absendern an kollektiven Adressaten, auch wenn sie von einzelnen Handwerkern oder Stellvertretern ausgeführt oder zelebriert wird. Es gab keine Aufladung um der Aufladung Willen oder aus ästhetischer Lust. Sakralkunst hat einen Zweck verfolgt, der überindividualistisch und damit kollektiv grundiert sein dürfte. Nicht, dass man dahin wieder zurückkäme, aber das Mao-Jacken-Argument war doch sehr ungenau und vorschnell.

      Ich glaube, dass der Sex heute ebenso (unerfüllt) entrückt wurde wie der Tod. Die Menschen haben keinen tod mehr. Sie sterben nur noch. Sie haben keinen Sex mehr. Sie vögeln nur noch.

    • Ich sag jetzt mal Alban, und, ja, genau, Kollektivphantasma: Ideologie.
      Ich finde diesen ganzen Kram von überindividueller Vereinigungsmythologie so Quatsch wie falscher Trost. Sie haben keinen Tod mehr, sie sterben nur noch, sie haben keinen Sex mehr, sie vögeln nur noch. Was ist denn bitte damit gesagt konkret? Ich fühle mich nicht mit allem verbunden, das Rauschen des Windes und das Meer spricht nicht zu mir wie zu Terrence Malick, tut mir leid, ich habe Gott noch mal Verlustangst, ja, weil es zum Henker kein bisschen egal ist, wen man liebt, und, ja, jeder einzelne führt den Pinsel, so oder so. Und wenn etwas einen Zweck verfolgt, heisst es noch lang nicht, dass alles in diesem Zweck aufgehoben wäre und dahin zurückfließe, die Dinge verselbständigen sich unter der Hand und jeder hört seinen eigene Ozean rauschen. Und man kann mir ja viel erzählen, aber nicht, dass man den Verlust eines lieben Menschen auch nur zu irgendeiner Zeit, wenn man bei Sinnen war, verwinden konnte. Man muss damit leben, das ist auch schon alles.

    • diadorim war ja auch nicht gesagt, dass Menschen damals nicht um jemanden getrauert hätten – aber es wurde ein Zusammenhang phantasmagoriert.
      Und in funktionierenden Überlebensgemeinschaften ist auch der Trauernde nicht allein. Zumeist trauert er auch nicht ganz allein. Und er ist auch mit seiner Verlustangst nicht allein gelassen. Wir Heutigen mit der Sehnsucht nach “Aufladung” wissen, dass die Säkularisierung uns etwas genommen hat und stümpern uns mit “Aufladungen” durchs Leben, die nichts mehr bedeuten, bedeuten können, wenn die sakrale Kommunion nicht mehr gewollt ist. Aufladung ohne sakrale (kollektive) Kommunion ist Hilflosigkeit, Zeitvertrteib und immer ein bisschen armseelig. Unerfüllt.

    • Wenn Sie sich da mal nicht ein perfektes Kollektiv zusammenphantasmagorieren, fragt man sich doch, warum sich Menschen auf den Weg von Verlustangst und weg von der Kommunion begeben haben. Der Mensch ist ein wahnsinnig schlaues Wesen, was Sie als armselig empfinden, empfinde ich als das komplette Gegenteil, das Empfinden von Unerfüllheit zeigt dieses Wesen im Entdecken seiner vollen geistigen und emotionalen Kräfte. Funktionierende Überlebensgemeinschaften? Wo denn? Stephanskiez, Kommune 1? Brasilien, bei den nackten, wilden Menschenfressern? Als wenn es irgendein Zeitalter gab, wo ein Kollektiv weniger grausam war – auch gegen seine eigenen Mitglieder, sofern sie sich nicht dem kollektiven Codex unterwarfen – als ein paar Individuen, im Gegenteil, ich glaub, da verklären Sie aber gewaltig. Oder, klar beschützt die Mafia dich, so lange du auf ihrer Seite bist und ihr nützt. Zugegeben, das ist dann schon weniger gestümpert, das ist kaltblütig organisiert, warum nur stümper ich da lieber….

    • @diadorim Also die Frage nach dem Weggehen von der Kommunion ist wahrscheinlich sehr profan zu beantworten. Im Zuge der Aufklärung wurden die politischen Strukturen in der Katholischen Kirche immer sichtbarer. Da kann ich genauso wenig ein Gefühl des Gemeinsamen entdecken, wie in China oder im russischen Kommunismus.
      Ganz im Gegenteil, als ich in den Achtzigerjahren in China war, empfand ich große Freude, in Europa geboren zu sein und eine Erziehung genossen zu haben, die den Individualismus leben hat lassen.
      Ich könnte mir aber vorstellen, dass guter romantischer Sex irgendwo zwischen der Ichbezogenheit und der Masse aus Canettis Masse und Macht angesiedelt sein sollte. Politische Machtstrukturen haben den Sex immer zu instrumentalisieren versucht, ob durch Verbot oder Gebot. Da kann ich W. Reich nur vollinhaltlich zustimmen.
      Heute haben wir einen Sex des Kapitalismus, der genauso besch.. ist wie die Ausuferungen der freien Marktwirtschaft. Ich bin nicht gegen Kapitalismus. Doch heute geschieht die Ausbeutung auf einem Niveau, dass das der bösen, persönlichen Kapitalisten um Weites übersteigt. Die Personengesellschaft war nämlich noch auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Wenn aber die Gier nach virtuellem Geld den Wunsch nach Nachhaltigkeit übersteigt, finden wir uns in einem instabilen System wieder.
      Vieles kommt mir heute wie kurz vor dem Ausbruch der französischen Revolution vor.

    • Vieles kommt mir heut vor, wie schlechter Spiegeljournalismus, der gern Revolution verkünden möchte, damit die Auflage steigt. Grässlich dieser Orakelwahn von Delillo über Gaddis und allen, die auf ihren Pfaden wandeln, Kafka hätte sich, glaube ich, sehr dafür geschämt.

    • aus dem Konflikt zwischen Kollektivphantasma und Individualphantasma sind die wirklich spannenden Bewegungen gemacht, kein Zweifel. Aber wo das Kollektivphantasma geleugnet oder nur noch als “Gegner” oder “Feind” oder “mainstream” phantasmagoriert wird, dem man sich per Dämonisierung vom Leib hält, kann es keinen produktiven Konflikt zwischen den beiden Phantasmen geben, und so mutiert die Bewegung des Individuums zur Pantomime für ein Publikum, das genau aus 1 Zuschauer besteht, der sich selbst beim Pantomime-Machen zuschaut. Und noch beim Vögeln bleibt man dann allein. Sexualpantomime, Kunstpantomime. Die Aufladungsaufladung. Die Texte, die Kunst, wird pantomimisch. Aber weil das so hoffnungslos armseelig und langweilig ist, deshalb haben wir heute das Internet. Zum Glück 😉
      Man darf nicht vergessen, dass zum Beispiel so ein Konflikt wie bei Medea nur deshalb wirklich gewaltig ist, weil Beide, sowohl Medea als auch Jason in verschiedene Kollektiv-Phantasmen eingebunden sind oder waren. In dem Moment, wo zum Beispiel Medea eine “Individualistin” oder selbst eine “Schriftstellerin” wäre, in dem Moment würde sie aufhören, Medea zu sein. Der Konflikt würde nicht mehr funktionieren. Deshalb sind zum Beispiel heute alle Texte, in denen die “Helden” selbst Künstler oder Schriftsteller sind, pantomimisch armseelig. Das Schlimmste, was einer Medea überhaupt passieren kann: Individuum werden oder noch schlimmer: Schriftstellerin. Sie würde sofort Ihre Tragödie verlieren, ihr Fleisch ihr Gewicht.

    • Das immer nur etwas aus Konflikten erwächst und erwachsen soll, gähnt mich allerdings auch ziemlich an. Und was mich noch vielmehr angähnt ist natürlich, dass heute eine wie auch immer näher zu bezeichnende Linke sich nur stark machen kann, indem sie erst mal ihrem Gegner Armseligkeit unterschiebt, da ist sie nicht besser als Franz Josef Strauß mal war, das hat Unterhaltungswert, Dämonisierung und Lustabsprechung, aber mehr auch nicht. Die ewig gleichen Reizreaktionsschemata find ich total langweilig.

    • @ diadorim Alles was man tut, ist gegen etwas und sei es auch nur gegen die Leere eines leeren Blattes Papier ( das leere Papier mit Schriftzeichen bemalen ) oder gegen die Leere im Kopf.

    • Falsch, jemandem eine Postkarte schreiben, ist für etwas, jemandem zum Geburtstag gratulieren, ist für etwas, in den Flieger steigen und um die halbe Welt reisen, was man eigentlich nicht mag, ist für und nicht gegen etwas. Ich hab mir den Krampf lang genug einreden lassen, dass man Widerspruch braucht, um zu denken, das gebiert nur Pavlovsche Affekte aber keine wirklichen Gedanken.

    • diadorim Ich fing sehr konkret damit an, auszusagen, dass ein Konflikt ( ein Gegen ) sich nicht gegen einen anderen Menschen richten muss, sondern schon bei einem Gegen gegen eine Leere anfangen darf.
      Ich füge dazu vorläufig an, dass diese Leere auch eine pure, individuelle Ideenlosigkeit sein kann, gegen die sich der Individuelle in sich stellt, um diese los zu werden.
      Manche Menschen tragen so einen Konflikt mit der ihnen eigenen Ideenlosigkeit aus, manche finden sich mit ihrer Ideenlosigkeit ab und es gibt vielleicht sogar welche, die Ideen von anderen konfliktgetragen oder gar lautstark fordern.

    • Das kann so sein, ja, aber ich wollte damit sagen, dass wenn ich mich widersprechen sehe, ich mir gänzlich ideenlos vorkomme, Menschen oder Dinge, die meinen Widerspruch wecken, bringen mich nicht weiter, sie schicken mich einmal um die Bahn und man landet wieder da, wo man schon stand, man kann an der Kondition gefallen finden, die man sich so antrainiert, aber das interessiert mich alles nicht mehr, ich warte irgendwie auf nen neuen Level und ein Feuerwerk der harmonischen Ideenzündung, zu reagieren, macht nicht frei, hat nichts Spielerisches, ist was völlig Verkrampftes, das letztlich mürbe und papieren macht. Es geht darum, die Dinge frei davon zu setzen.

    • @Sando Die Texte, die Kunst, wird pantomimisch. Aber weil das so hoffnungslos armseelig und langweilig ist, deshalb haben wir heute das Internet. Zum Glück 😉
      Im Gegenteil. Im Internet, in Kommentarspalten; das ist wirklich Mechanik, die immmergleichen Reizreaktionsschemata, da kursieren die Meme, immerfort das gleiche Hamsterrad.

      Dabei waren mir Ihre Kollektivphantasma-Metaphern eigentlich lieber. Und ich wollte doch bemerken, dass als diadorim einwarf, Sie haben keinen Tod mehr, sie sterben nur noch, sie haben keinen Sex mehr, sie vögeln nur noch. Was ist denn bitte damit gesagt konkret? – mir das ungerecht vorkam: Ihre Kollektivphantasmorgie war doch so was von konkret und klar (und damit natürlich leichter verwerfbar, und vielleicht sofort als falsch ersichtlich?) als diese flatternden Maojoppen, die soviel umherspringen, das mir ganz schwindlig wird.
      (Obwohl es natürlich: “Sie sterben nicht mehr, sie haben nur noch den Tod” heißen müsste, oder?)

      An Newtons drittem Axiom gibt es nichts zu rütteln, wo und wie will man sich denn ohne Dialektik bewegen? In Parminedes Seiendem, in Wittgensteins logischem Raum, in dem es gar keine Widersprüche erst geben kann? Es gibt nur Kräftepaare.

      (Na,… ich dreh schon am Rad – es ist wohl besser wenn ich jetzt gehe.. — auf die nächste Hyperebene wart´ ich schon lange, aber ich glaub bis zu dem Quantensprung kann ich warten bis ich schwarz werd, und selbst wenn sich der Weg eröffnen würde, wählte ich vermutlich die orthogonal zu Ihrer Ebene liegende – aus Prinzip – immerhin wäre so eine Schnittmenge garantiert…)

    • diadorim Diese ihre Auffassung halte ich für elementar künstlerisch, – allerdings würde ich Existenzformen von ideengestützten Widersprüchen nicht leugnen, sondern persönlich zur Zeit ( auch ) gerne anderen überlassen.

      Man kann ja jedes eigenständige künstlerische Ergebnis als grundsätzlich widersprüchlich zu anderen künstlerischen Ergebnissen sehen oder man entscheidet sich dafür, das eigenständige künstlerische Ergebnis als Ergänzung zu vorhandener Kunst aufzufassen, insofern jenes eigenständige künstlerische Ergebnis nicht konkret Widerspruch zu was auch immer an sich anders ausdrückender Kunst ausdrückt.
      Mehr kann ich augenblicklich nicht dazu sagen, weil ich gerade auf Ideensuche bin.
      Mitdenken oder mitausdenken tu ich allerdings gerne.

      Lg
      Ihr Gedankentraktorist

    • Sie meinen also dass das künstlerische zum künstlerischen zu künstlerisch ist, oder habe ich sie in dem Falle verstanden, dass das künstlerische im Sinne vom künstlerischen Sein, nichts mit dem künstlerischen denken zu tun hat, das heißt wenn das künstlerische zu künstlerisch ist, wird das rein künstlerische zu künstlerisch und verwandelt sich so in ein künstlerisches vertikales gedanklich künstlerisches Kunstgefängnis?

    • Ich meine, es gibt für mich die pure künstlerische Affirmation.
      Ich preise künstlerisch und pur affirmativ zum Beispiel Sahnetörtchen ohne dabei Übergewichtigkeit zu problematisieren.
      Ich stelle dabei des weiteren nicht die Frage, was ein Sahnetörtchen mit imperialistischen Mechanismen oder Kriegen um Ressourcen zu tun hat ( weil ich das ein wenig abwegig hinsichtlich des Sahnetörtchens fände )
      So etwas meine ich.

    • @phorkyas nicht umsonst hab ich immer das Wort – phantasma rangehangen. Um klar zu machen, dass es nicht um die Behauptung eines realen Edens auf Erden gehen kann, sondern nur um die Befragung von Kompassnadeln. Oder Nadelrichtungen. Und die waren eben früher etwas anders ausgerichtet als heute. Steppenhund hatte darauf mit seinem Canetti-Ding auch ganz gut reagiert. Es ging ja oben um ein bestimmtes Problem. Bei Diadorim kann man sich offenbar sicher sein, dass – wenn man etwas nur halbwegs eloquent formuliert – sie dagegen irgendwas vorbringt. Und wenn ich jetzt ein Loblieb auf das Individual-Phantasma singen würde, dann würde sie wahrscheinlich mit einem Einwand kommen, wie schön es doch ist, sich gelegentlich auch mal in einer Menge aufgehoben zu fühlen. Aber mit so einem Hang zur Zimmertemperatur kann man sicher einer SPD-Gruppe beitreten, was übrigens garnichts Schlechtes ist. Auch die hat ihre Qualitäten. Aber ein echtes (harmonisches?) Ideenfeuerwerk kriegt man damit nicht gezündet. Insofern haben Sie mit ihrem Verdacht auf Mechaniken sicher Recht.

    • Die SPD hat Qualitäten, ja besonders Ebert, Scheidemann usw.
      Ich fürchte das Problem liegt viel weiter und ist die unverwechselbare Wahrheit. Sie haben einfach schlicht keine Ahnung was ein Künstler ist.
      Sie hauen da rein mit irgendwelchen Fremdwörtern und denken, das wäre Kunst, das ist keine Kunst, das ist Wichtigtuerei.

    • phorkyas Na der Lobster hätte sicherlich von auf Gras basierenden konstrukt(ion)en ( rasant ) zu phantasmagorieren versucht, naja vielleicht eher wahrscheinlich als sicherlich 🙂

    • Sich so selber die Eloquenz zuschustern zu müssen, das darf natürlich auch betrauert werden. Wer möchte?
      Plage, scheint mir, hat den Neger auf den Kopf getroffen. Nicht umsonst, habe ich Sie einen schnederpelzigen Wesendonk geschimpft, daran sehen Sie schon, dass mir Ihr Ringen um Begriffe ein wenig spätstrukturalistisch vorkommt, nichts gegen die Strukturalisten, nur ein Kunstwerk allein mit Ihnen kriegt man eben nicht gestemmt.

    • wollen sie mit der verwendung des wortes neger dahingehend lancieren, dass subventioniertes, billiges milchpulver aus der eu den afrikanischen bauern subsistenziell zu schaffen macht ?
      http://www.dw-world.de/dw/article/0,,6115300,00.html
      und welche brasilianischen dschungelbewohner sind menschenfresser ?
      alle ?
      war die k1 überhaupt ein kollektiv oder war sie nicht eher eine spasskommune – der nach prominenz heischende prototyp nachfolgender lasziver studi-wgs ?
      kann das individuum nicht seine eigene ideologie ( ideen- und zielesammlung ) bilden ?

    • Schicke ein Beutelchen Antiphlegma und empfehle rollen für heute statt stemmen. Zum Stemmen gehört meist vorher auch sprengen, damit man was zu stemmen hat, und meinen Hang zum Weg freischießen, der rührt eben noch aus meiner Zeit als Wegfreischießerin. Es ist manchmal wirklich völlig wurscht, mit welcher Begrifflichkeit sich hier gekloppt wird, anhand der rhetorischen Figurine erkennt man den Tänzer oder den Stakser.
      Bewundere selbst bei Lethargie Ihre Stemmkraft Frau Turnt im Taxi!

    • dafür, dass ihnen alles Wurscht ist, sind sie aber ganz schön engagiert. Und dafür, dass Sie sich den Weg frei schießen, schießen sie zu schlecht. Es ging hier auch nicht um Kunst, ursprünglich. Also schon danebengeschossen.

    • @Sando “Heute” (wie ich das hasse – schon bei Frischs “Chinesischer Mauer”, ja heute, heute ist ja der Post-post-ismus schon abgefrühstückt – und an was soll man noch glauben?) ist doch aber auch alles egal. Daher bleibt nur Rhetorik. (Schaun´se mal wie sich z.B. Philosophen und Hirnforscher battlen) – Frau diadorim tänzelt da schon sehr flink, würde ich attestieren. Das finde ich sehr reizvoll, gerade weil ich mir auch den ein oder andern Kinnhaken einfangen könnte. Sehen Sie sich also vor, selbst wenn der ein oder andere Muhammad Ali auch nur ein Trash-Talker ist; sagen Sie nicht vorschnell: Ätsch vorbei.

      Worum es ging: Wer weiß das noch. (Hautpsache in Bewegung bleiben, damit man nicht merkt, dass man auf der Stelle trippelt?)

    • Früher wie heute gab es immer Schisser die gegen alles meckerten. Ich stand seinerzeit auf BaxCity Rollers und flog aus den Kneipen, die Leute waren zornig oder besoffen.
      So lebt man halt, man lebt immer mit den Gemeinen.
      Soll man sich nicht mitbefassen!

    • Mir geht es um nichts anderes als Kunst, sonst kommentierte ich nicht hier, sondern bei Spiegel online. Und, Sie können es einfach nicht lassen, so groß bin ich (noch) nicht, dass man mich immer wieder so niederstrecken müsste. Behandeln Sie doch einfach mal Frauen, wie es sich gehört für richtige Herren, denn ich erlaube eigentlich nur Frauen, gegen mich zu giften, nur, oh Wunder, die meisten xx haben das gar nicht nötig…

    • Péter Nádas

      Wo ist die Freiheit auffindbar

      Wo ist die Freiheit auffindbar.

      Ist sie Materie, ein Begriff oder Hirngespinst.

      Ist sie an bestimmten Orten vorzufinden,

      oder haust sie in den Köpfen.

      Was ist Freiheit.

      Im Alten Testament scheint sie eher

      das schwächere Glied einer Dualität zu sein.

      Im Gegensatz zu

      Gefangenschaft, Knechtschaft, Sklaverei, Hörigkeit,

      Abhängigkeit, Ausbeutung,

      Fron, Joch,

      Unterwerfung, Unterdrückung

      steht sie völlig allein da,

      wirkt fragil.

      Man wird einfach verschleppt, verkauft, gefesselt,

      in dunkle Verliese geworfen.

      Gott! welch Dunkel hier!

      O grauenvolle Stille!

      Auch im Psalm wird nach Befreiung gerufen:

      Erwecke deine Kraft,

      und komm uns zu Hilfe!

      Gott, tröste uns wieder,

      und lass leuchten dein Antlitz, so genesen wir.

      Das Leuchten, das Licht in der Finsternis ist der Freiheit

      unabdingbar.

      Freiheit ist Licht –

      das ist jedenfalls meine offenkundige Erfahrung aus der

      Diktatur.

      Wenn wir dieses Fragile in weite Ferne gerückt wissen,

      werden wir von einer Mangelkrankheit erfasst.

      Lichtmangel,

      das heisst Depression.

      Wie einmal ein Freund in Rom auf dem Bahnhof Termini

      gnadenlos formulierte,

      du bist aus dem dunklen Loch des Kalten Krieges gekrochen. Obwohl ich einfach mit dem Zug angekommen war.

      Er war ein Spätgeborener, schön, begnadet, er trug eine weisse Leinenhose, ein lachsfarbenes Seidenhemd,

      er merkte nicht einmal, dass ich noch früher auch aus dem

      dunklen Loch des Zweiten Weltkrieges gekrochen war.

      Mein Lichtmangel wurde erst langsam geheilt,

      nachdem die Truppen des Warschauer Pakts am 21. August 1968 die Tschechoslowakei besetzt hatten

      und ich, davon bewegt,

      es

      endlich gewagt hatte,

      meine Journalistenlaufbahn aufzugeben

      und meiner Heimatstadt den Rücken zu kehren.

      Ich konnte meine lächerlich kleine Miete bei einer Bäuerin kaum bezahlen.

      Als ich wirklich nicht mehr wusste, wie es weitergeht,

      fragte ich vorsichtig eine Freundin –

      Sehet die Vögel unter dem Himmel an,

      antwortete sie, sie säen nicht, sie ernten nicht,

      und euer himmlischer Vater nährt sie doch.

      Das war tatsächlich witzig. Wir gingen gerade spazieren.

      Lachten laut auf.

      Das war Leuchten, dieses Lachen, Licht. Licht ist Materie und Welle, Ausstrahlung und Energie.

      O welche Lust,

      o welche Lust, in freier Luft

      den Atem leicht zu heben!

      Die Freiheit ist Licht und Luft und Wort.

      Es hat wenig zu bedeuten, ob dieses Licht sich auf den Gesichtszügen eines lächelnden Buddhas oder einer Freundin

      oder auf dem zornigen Antlitz

      eines abendländischen Gottes abbildet.

      Wörter sind Klangkörper, sie bringen die Luft ins Schwingen.

      Durch den Klangkörper des Wortes, durch die Schwingung der Luft und durch das Leuchten der Freude

      sind Person und Gemeinschaft an ein Phänomen

      unbekannten Ursprungs gebunden.

      Freiheit ist eine Konstante.

      Ungefähr so würde ich die Freiheit beschreiben.

      Zugegeben, dass wir mit ihr unsere Dauerprobleme haben,

      eigene und gemeinschaftliche, lokale und globale.

      Wir knüpfen zum Beispiel die Freiheit seit mehr als zweihundert Jahren an die Individualität,

      und damit sind wir an harte Grenzen gestossen.

      Während wir uns verzweifelt mit dem grauenhaften Erbe der kollektivistischen Gesellschaften herumschlagen, scheinen die Möglichkeiten des Individuellen ausgeschöpft.

    • schöner Beitrag, Peter. Ja, er enthält das Problem.

      @diadorim, oben ging es um ein etwas anderes Thema. Melusine hatte dazu was interessantes geschrieben. Sie haben es gleich auf die ganze Kunst und Kultur auf Jahrtausende ausgeweitet mit einem erschreckend pauschalen Argument. Müssen sich aber dann nicht wundern, wenn die Diskussion anders verläuft, als Sie das möchten. Ich kann auch nicht sehen, dass ich Sie angegriffen hätte. Eine andere Meinung ist noch kein Angriff. Wenn Sie das so auslegen, dann liegt die unpassende Bedeutungsvermutung eher auf ihrem Tisch.

    • Ach, komm, geh allein weiter knickern. Und es heißt immer noch Armseligkeit, Sie erbarmungswürdiger Theorietropf, nur damit auch mal klar ist, auf dem Niveau kann ich natürlich auch, wenn ich denn wollte.

    • (@diadorim Diese Frotzeleien waren vielleicht unnötig, ich wollte wirklich nicht in Trollereien münden. Das mit der rhetorischen Wendigkeit war durchaus ernst gemeint. – Wäre Kunst oder Literatur mir egal, wäre ich auch nicht hier. Tut mir leid, wenn das hier abgedriftet ist, während ich an Bord war..)

    • @Peter Muss ich mich schämen, dass ich mich im Grunde immer frei gefühlt habe.
      Mit 18 Jahren las ich Sartre, “Die Zeit der Reife”. Da ist mir ein Satz für ewig in Erinnerung geblieben: man ist nicht frei von etwas, man ist frei für etwas. Etwas zu tun. Ich war verwöhnt. In Österreich ist man leicht verwöhnt. Doch ich habe Menschen in der DDR, in Russland gefunden, die ebenfalls frei waren. Haben sie mir nur vorgespielt, dass sie sich frei fühlten. Man kann sich in einer Diktatur geknechtet fühlen, doch die eigentliche Freiheit entsteht doch im Kopf.

    • @steppenhund perfider weise ist es so, dass Diktaturen sogar zu unglaublich intensiven Freiheitsmomenten verhelfen können, also dann, wenn man in einer durchreglementierten Umgebung eine Ecke findet oder eine Minute, in der man unreglementiert ist. Ich selbst habe dummerweise noch die NVA mitgemacht. Zwar nur als Anderthalbjähriger, aber leider eben noch lange genug vor der Wende. Aber die Umarmungen und Küsse mit meiner damaligen Freundin, als ich in den wenigen DaHeimurlaube hatte, in einem schäbigen Mitropa-Etablissement in Magdeburg, ich fürchte, die besten und intensivsten und freiesten Momente meines Lebens. Das Perfide an Diktaturen oder Halbdiktaturen ist, dass sie die Gefühlsintensitäten von Menschen eben nicht unterdrücken, sondern sogar das ganze Sensorium der Auswegsuche schärfen und stärken, die man hinterher möglicherweise mit “innerer Freiheit” verwechselt. Und so züchten Diktaturen auch eine Art inneren Drogenkonsumenten, für den jede unreglementierte Niesche ein besonderes Erlebnis ist. Die Frage, ob das wirklich Freiheit ist, oder nur ein besonderes Reaktionsschema, kann man echt schwer beantworten.

    • @Sando Könnte man daraus nicht schließen, dass es nicht auf das politische System ankommt, was das Freiheitsempfinden angeht. In der Theorie sind die heutigen Jugendlichen frei. In meinen Augen sind sie geknechtet durch einen Markt- und Werbedruck, verschärft durch die Unfähigkeit, das Vorgegebene aus eigener Kraft erreichen zu können. Sie kommen mir (statistisch gesehen) unfreier und unglücklicher vor. Null Bock ist wohl sicher kein Attribut der Freiheit.
      Ob die “innere Freiheit” jetzt eine Scheinfreiheit oder eine echte ist, kann und will ich gar nicht entscheiden.
      Ich bin zum Beispiel jetzt so frei, dass ich mich um halb zwei ans Klavier setzen kann, um mich selbst quasi in den Schlaf zu spielen. Das empfinde ich als Freiheit. Wenn ich aber nun morgen etwas fertig haben müsste, dann arbeitete ich vielleicht die Nacht durch – und würde das auch als Freiheit empfinden, weil ich mit meinem Job ja glücklich bin.
      Ich bin also relativ leicht frei zu stellen. Was ich aber als echte Freiheit genieße, ist die Möglichkeit selbst denken und meine Gedanken auch ausdrücken zu dürfen. Ich will aber nicht mehr missionieren. D.h. vielleicht ist meine Freiheit bereits innerhalb eines Hamsterrads zementiert, wobei einfach das Hamsterrad genügend groß ist. Ich glaube aber nicht, dass ein Milliardär mehr Freiheit als ich genießt. Daher bin ich auch niemandem etwas neidig.

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