TTag, 1. Juli 2010. Von den Drogen.

(Und der Freiheit, Dinge stehen zu lassen. Oder zu löschen.)
Im Laufe eines Tages, einer Nacht durchlaufen wir irrwitzig viele Zustände. Emotionaler Natur. Viele davon sind für die anderen gar nicht wahrnehmbar, viele davon würden wir auch selbst gar nicht benennen können. Man fühlt eben so vor sich hin. Wir chemische Wesen. Gut, wenn man das irgendwo reinpacken kann. In Rezeption oder Produktion, im Idealfall in beides.
Ich zum Beispiel fühle mich immer am besten, wenn die Rezeptoren auf der Sonnenseite auf Hochtouren laufen, während die anderen schweigen. Ultraaufnahmefähig zu sein bringt ja immer extreme Sinnenfreude mit sich. Visionen und Selbstübersteigerung. Übermut! Und das, was ich an solchen hochrezeptiven Zuständen am meisten liebe: Optionalität. Alle Wege nach überallhin liegen dann ausgebreitet da, als hätte man nie bindende Entscheidungen getroffen, als wäre immer noch alles möglich. Ich produziere dann. Ich bin dann reich. Ich nehme meine Ideen ernst. Kein Geld der Welt kann so etwas kaufen.
So ist es hier in K****, für mich.
So ist es vielleicht für andere, wenn sie Drogen nehmen.
Die Schattenseite, leider, ist da nie fern. Ist ja eine Droge, die Wahrnehmungsfähigkeit so auf Hochtouren laufen zu lassen; irgendwann stürzt man ab. Wird das Ganze noch mit externen Drogen unterstützt, sind die Unterschiede sicher noch gravierender. Kein Mensch hält dieses Tuning auf Dauer aus – wenn man Pech hat, schaltet sich die negative Gegenbewegung schon ein, während man sich noch hart an der Sonne segelnd wähnt. (Zwei, drei solcher Tage hatte ich hier auch schon, da schien mir alles zwischen den Fingern zu zerrinnen. Aber weil die Bedingungen zum Fühlen hier grandios sind, ließ das schnell wieder nach)
Fühlen.
Darum geht es.
So wenig, wie mir mein tauber Muskel nützt, wenn kein Nerv ihn lebendig macht, so wenig nützt mir das Denken, wenn ich kein Gefühl daran befestigen kann. Nein, nicht befestigen, sagen wir, wenn kein Gefühl es in Schwingung versetzt, das Denken. Klingt alles sehr schlicht, ist aber wahnsinnig schwer im Arbeitsalltag. Wir halten uns zwar alle für höchst empfindsame Wesen. Doch dieses Empfinden wird nicht gebraucht: Arbeiten und Empfinden passt nicht besonders gut zusammen. Niemand will wirklich und ernstlich wissen, wie es uns geht. Im Grunde wäre es oft ehrlicher, statt “Wie geht es Dir?” etwas anderes zu fragen, nämlich: “Kannst Du meinen Erwartungen entsprechen”?
(Ich schreib das alles hin, ohne zu feilen)

Lässt man sich tatsächlich fühlen, vergegenwärtigt man sich dann auch noch, was man da fühlt, bringt das Konsequenzen mit sich. Erstens, man ist plötzlich ziemlich weit oben, da, wo die Möglichkeiten sind. Die wehen geradezu, die Möglichkeiten! Zweitens, man ist ziemlich allein. Und drittens, man hat mit einem Mal etwas zu verlieren, das sich schwer benennen lässt. So etwas wie Authentizität. Mit sich selbst deckungsgleich sein. Und das, werte Leser:innen, ist was ganz anderes als das, was ich “Selbstinstrumentalisierung” nennen würde. Mit der ich zum Beispiel meinen Arbeitsalltag zuhause bewerkstellige.

(Ist einigermaßen klar, was ich meine, oder scheint es mir nur so in dieser glühenden Hitze hier? Ah, die Schmelzpunkte! Wie ich sie liebe)

Heute Nacht gab es etwas Aufruhr hier auf TT: ich las es heute morgen und hab’s gelöscht. Nicht ohne Bedauern. Weil ich weiß, dass diese beiden Seiten eben zusammen gehören: mit aufgespannten Sonnensegeln fährt man aus und ist ganz kirre vor lauter Empfinden, und dann, ganz plötzlich, schlägt das um. Ich kenne das; so laufen diese Dinge manchmal. Ist in Ordnung: hoch lebe die Ambivalenz.
Nur, dass ich eben keine persönlichen Fehden in meinem Revier dulde. Schon gar nicht, wenn sich die Attacke nicht gegen mich, sondern gegen einen Dritten richtet, der dann ebenso scharf reagiert.
Leid tut mir das trotzdem. Wer Aggression wegretouschiert, hat nämlich meines Erachtens ein Problem: dass man die Wärme, die Liebe, das Überbordende nicht haben kann, ohne ihre Schattengeschwister.
Glaub ich. Steh’ dazu.
Und les’ das jetzt nicht mehr Korrektur! : )

20:15
Ui. Jetzt hab’ ich aus Versehen von diesem Zeug getrunken, das schon L. neulich schachmatt gesetzt hat. Himmel hilf, ich hab’ einen im T.

20 Gedanken zu „TTag, 1. Juli 2010. Von den Drogen.

    • o … Meines
      o … Ihres
      o … annahmen
      o … begaben
      o … bemächtigten
      o … bewusst wurden
      o … entledigten
      o … entsannen
      o … erbarmten
      o … erfreuten
      (bitte zutreffendes ankreuzen)

      Ich bin erstaunt, wie kömpliziert ich die kürzesten Texte interpretieren kann.
      Würden Sie nur zwei übereinander stehende Punkte als Beitrag veröffentlichen, könnte ich mich vermutlich dazwischen sogar gänzlich verlieren.

      Öh, gerade habe ich’s bemerkt. Zwar bin ich kein Sachse, lass es aber trotzdem so stehen. Aus reiner …

    • Der Text ist ja inzwischen etwas länger geworden. Ich stelle aber mit Verwunderung fest, dass Ihre multiple-choice-Liste immer noch passt!

      (die ist nicht von schlechten Eltern, diese Liste…)

    • Dieser neue Text fühlt sich an wie Balsam, den ich am liebsten flächig vom Monitor schaben möchte.

      Da Ihnen Ihre Heimreise Ihr Aufbruch wohl unmittelbar bevorsteht, möge Ihnen der Abschied gut gelingen. Dass er die Eindrücke, Belebungen und Höhenflüge einschmelze zu etwas, was Ihnen möglichst lange als kostbarer Nektar in der Alltagsroutine verfügbar bleibe. Aufbewahrt in jenem lebendig pulsierenden Gefäß, gleich hinter dem Sternum.

      Ob der enge Begriff “Heimreise” Ihrer Lebenshaltung wirklich standzuhalten vermag? Ich glaube das jetzt nicht mehr, deshalb die Korrektur.

    • Ihre Antwort, allein, aber nicht nur, weil nach langer Zeit wieder einmal das Wort “versonnen” fällt…
      : )

      Die Fehde (es war nur eine) entbrannte heute Nacht hier aus den unterschiedlichesten Motiven. Obwohl ich sie löschen musste (das Hauen und Stechen ging zu weit) war im Grunde dankbar, weil sie mir Anregung war, etwas über die beiden Seiten der Empfindsamkeit zu schreiben.

    • Versonnen ist (meiner Meinung nach) eines der schönsten Worte unserer Sprache…
      Ich schätze Ihre Fähigkeit, liebe Phyllis, mit präzisem Angelwurf einholen zu können, was in
      schattigen, intuitiven Gewässern an großen und kleinen Fischen herumschwimmt.
      Deshalb auch für die Zukunft: Petri heil! *gg*

  1. Offenbar was verpasst… …habe ich, trotz meiner chronischen Insomnia. Nun: ich war “Nachtbaden”. Sehr schön. Fast wie Drogen. Besser als Drogen. (Ich bin sowieso nur bei Whisky anfällig und selbst das habe ich gut im Griff…, apropos: Was´n das für´n Zeug, das L. da trinkt? Ich habe da so einen Verdacht…).

    Aggression im Netz – kann ich mir für mich nicht vorstellen. Dazu ist es dann doch zu körperlos. Aggressiv ist für mich laut und es muss mal was kaputt gehen (keine Missverständnisse: ich beschränke mich auf DINGE.)

    Wie war die Nacht im Institut?

    • Nachtbaden! Das klingt phantastisch. Will auch.
      Whiskey, übrigens, ist es nicht – der Stoff, den L. sich so gerne reinzieht, doch es ist eine so landestypische Substanz, dass sich ihr Aufenthaltsort sofort klären würde, verriete ich, wie er heißt. Irgendwann kommt’s eh raus, klar, aber noch nicht : )

      Was die Aggression anbelangt, unterschreibe ich sofort: krachen lassen bitte leib-haftig. Passiert mir aber so selten, ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal wirklich aggressiv war. Liegt irgendwie nicht in meinem Naturell; ich werde meistens eher traurig als wütend.

      Die Nacht im Institut war … interessant. Ich warte noch auf den schriftlichen Bericht…

    • ein(e) musiker(in) und ein(e) maler(in) brauchen keine dissense.
      sie schöpfen beide aus einem wort- und politikfreien “rahmen”,
      welchen das materielle der klangerzeuger und der farben bereitstellen.
      das kennzeichnet prinzipiell ihre erhabenheit.
      ( soweit ultraverkürzt & arg konventionell dargestellt )

      sie können sich allenfalls kleinlich aus dieser erhabenheit herausnehmen, indem sie dissense über ästhetik austragen oder “politisch musizieren bzw. malen wollen” und sich dabei prinzipiell in’s wort fallen, aber eben grundsätzlich kleinlich, weil über geschmack sich nicht streiten lässt und sich politisches eigentlich ohne wort nicht darstellen lässt.
      angenommen aber, sie suchen sich fest in ihrer erhabenheit einzurichten, was bleibt dann eigentlich noch an deutlich voneinander absetzbaren und damit gewohnheitsmässig dialektisch wahrnehmbaren berührungsmöglichkeiten ?
      vor allem sex – zwei ( oder mehrere ) deutilch voneinander getrennt wahrnehmbare körper
      die eine art synthese eingehen können.
      naja. 🙂
      das haben sie den anderen menschen beizubringen.
      weil das so schnell wohl keiner glauben mag, dass die absolute harmonie der erhabenheit
      noch etwas mit leben oder mit energie oder mit verständigung usw zu tun haben kann obwohl sie das leben ist.
      so sieht das wohl aus.
      die anderen sind vom wort – und vor allem von dem was das wort repräsentiert – in aller zerrissenheit des lebens in der platten grausam-sein-können / gut-sein-können – dyade vereinnahmt.
      das schwierige explitit am musikmachen ist, dass sehr viele musikalische möglichkeiten
      durch die gesellschaftliche einbindung von musiklalischen strukturen ebenfalls dergstalt gespalten vereinnahmt sind.
      das treibt z.b. dann musikerInnen vor allem in serielle musik hinein, in eine musik, die möglichst von zuschreibungsmöglichkeiten an / hin zu gesellschaftlichen praktiken in all derer gespaltenheit frei ist.
      zur musikalischen droge, – zur “erhabenheitsoffenbarung”.
      man schaut dabei nicht mehr auf das, was man machen kann, sondern auf das
      was man vermeiden sollte.
      man blendet aus, das ist das prinzip, oder jedenfalls das, was ich als das
      prinzip auffasse, mit welchem man zu einer erhabenheit gelangen kann.
      man sucht sich demzufolge also diese erhabenheit regelrecht zurückzugewinnen weil man diese in endlosen historischen
      konflikten verloren zu haben glaubt.
      man kann es sich allerdings einfacher machen, indem man nach dem astreinen grundgefühl
      im leben und in der welt sucht, und dieses – falls gefunden – sich dann erhält.
      dann kann man wieder alles an texturen verwenden, weil dieses grundgefühl alles dann zum schwingen
      bringt, stets mitschwingt.
      daran glaube ich vor allem.
      bloss ist es genauso schwierig zu so einem gefühl zu kommen wie es schwierig ist, sich gesellschaftlich vereinnahmter ( musikalischen ) schematismen zu entledigen, vor allem wenn man ständig konflikte austragen muss.
      deshalb rauche ich gerne ab und zu einen oder mach simple party mit, wenns geht.
      allerdings fühle ich mich auf den meisten parties kaum wohl, vor allem
      nicht auf “abgrenzerparties” sprich innerhalb exkludierender szenen.
      da ist nämlich nicht das für mich astreine grundgefühl vorzufinden, zumindest nich in completo weil es aussperrt.
      für dieses grundgefühl kann aber auch keine kirche sorgen, melusine, wir redeten ja letztens leicht über religiosität, deshal fügr ich das noch an, weil zumindest die kirchen, die ich kenne ebenfalls deutlich grenzen zu anderen religiösen auffassungen ziehen, wenn sie nicht in sich schon gespalten sind und aufgrund dessen möglicherweise hirnrissige konflikte austragen.

      naja soweit mein kleiner zutrag zu drogen und kunst.

      hoffe das strengt soweit nicht an ( auch ziemlich unredigiert verfasst ) – mich würde mal interessieren, wer mir soweit wie widerspricht hier.

      danke für die löschungen , lady phyllis, ist mir echt noch peinlich, dass mir das passierte.

    • p.s.
      mir unterlief gerade ein lapsus – also die absolute harmonie der erhabenheit … kann wohl nicht … das leben selbst … sein.
      ( weiss gerade nicht was mich zu diesem gedanken veranlasste )
      sorry.

    • naja – es wäre irgendwie weltpolitisch zu verstehen, anders wohl kaum.

      ich tippte das grad nur so aus dem bauch heraus und würde aus dem gleichen gefühl sagen,
      dass ein verflüssigen ihrerseits doch wohl eher in ein ozeanisches etwas münden sollte als in
      eine flaconvoluminösität hinein.
      wär aber genauso einem materiell realen gegenüber spacig weitergesponnen.
      zurück zum übermütigen vielleicht -also für mich brauchen sie sich allerdings nicht auflösen…

    • p.s.

      nächster lapsus, deshalb diese schnellkorrektur :

      … für mich brauchen sie sich z.b. ( und nicht … allerdings ) nicht auflösen.

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