Elfter Brief. Der Mann trägt Guerlain.

K****, 30. Juni 2010

Verehrter, lieber Doktor Sago,

natürlich werde ich gehen! Es hätte Ihrer Eildepesche nicht bedurft; ich bin bereits dabei, mich dem Anlass entsprechend zu kleiden.
(Ich habe nichts Passendes!!!)
Doch woher wussten Sie…? Ich bringe hiermit mein Missvergnügen zum Ausdruck, in aller Form. Immer sind Sie mir einen Schritt voraus, allen Spielraum des Fabulierens entziehen Sie mir, der Sie sich offensichtlich mit Ihren Kollegen am hiesigen Institut inniger austauschen als mit mir! Stehen mir denn keine Geheimnisse zu? Halten Sie mich für ein vom Naturell her derart passives Geschöpf, dass ich solch lückenlose Überwachung gut heißen würde? Sie sollten mich besser kennen.
Mein Hausdiener, übrigens, sieht besser aus als alle Männer, die ich bisher in K**** getroffen habe. Das überraschendste war … doch ich will nicht vorgreifen.
Als ich vorhin die Tür öffnete, stand mir ein hoch gewachsener Mann gegenüber, in den Händen ein Tablett (nein, nicht silbern, sondern aus irgendeinem dieser Bambushölzer) mit einer Karte. Er verneigte sich leicht, sagte aber nichts. Der Hauch seines Männerdufts wehte zu mir herüber, harzig, mit einer Unternote Sandelholz und Juchten. (Ich tippe auf Guerlain).
Ich besah ihn mir. Stand, zu verdutzt noch von seiner Erscheinung, als dass ich mich hätte artikulieren können, mit nichts weiter als einem Morgenmantel bekleidet da.
(Eben gewittert es.
Was soll ich nur anziehen??
Immerhin, man wird mich abholen.)
Er trug ein Gewand, für das manche Dame von Rang willig ein Monatssalär auszugeben bereit wäre, so elegant umspielte es seinen Körper. Dazu trug er – lachen Sie jetzt nicht! – goldbestickte Pantoffeln. Oh ja. Immerhin war sein Gesicht nicht das eines Mohren, sonst hätte ich mich in einem Traum von tausendundeiner Nacht gewähnt – und Sie wissen, ich hasse blumiges Geschwafel! Nein, seine Haut ist recht weiß, und seine Züge haben einen für orientalische Verhältnisse eher groben Zuschnitt. Markant, würde man in unseren Breitengraden sagen. Dazu durchaus irritierende, helle Augäpfel. Und er trägt sein braunes Haar in einem Zopf. Der ganze Mann hat, nun, da ich darüber nachsinne, etwas von einem … hm… in edle Stoffe gewickelten, sehr gewieften … Wolf.
(Das sei nicht schön, höre ich Sie sagen. Doch, doch, ist es!)
Sein „Madam?“ klang spöttisch. Er ruckte ein wenig mit dem Tablett, um mich zum Zugreifen zu bewegen. Also nahm ich die Karte. Und sah ihn an, durchaus direkt.
„You speak English?“ fragte ich.
„Ich spreche Deutsch“ erwiderte er, ganz ohne Akzent. Seine Mundwinkel zuckten.
„Oh“ sagte ich. Mehr fiel mir nicht ein.
„Ihr Morgenmantel…“ sagte er. Himmel, hilf! Ich griff in den Stoff und raffte ihn zusammen.
„Wünschen Sie Hilfe beim Ankleiden?“
„Wo waren Sie all die Zeit?“ stieß ich hervor. „Seitdem ich mich in diesem Haus aufhalte, bin ich keines einzigen Bediensteten ansichtig geworden! Geschweige denn, dass jemand deutsch gesprochen hätte!“
„Sind Sie nicht ein wenig zu jung, sich einer solchen Sprache zu befleißigen?“ fragte er. Dieser süffisante Tonfall! Erwürgen hätte ich ihn können. „Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was Sie meinen.“ Sprachs und trat, die Karte in der Hand, einen Schritt zurück ins Zimmer, während er blieb, wo er war.
„Ganz wie Sie wollen, Madam. Brauchen Sie mich noch?“
„Nein, vielen Dank. Ich komme zurecht.“
„Dann wünsche ich Ihnen einen angenehmen Abend.“
„Ebenfalls“ erwiderte ich.
„Ich würde übrigens die grünen Pumps mit dem goldfarbenen Absatz nehmen.“
Mitten in diesem Satz drehte er sich um und ging davon, das Tablett in einer Hand schwingend.

Ist das nicht unerhört?? Was erdreistet sich dieser Mensch?
Doch ich muss mich fertig machen, in einer halben Stunde wird der Fahrer hier sein. Fort mit dem Morgenmantel!

Ihre noch nicht gewandete ( und leider gelegentlich zum falschen Kleid neigende)
L.

post scriptum
Warum schrieben Sie kein einziges Wort zu der schwarzen Dame?

38 Gedanken zu „Elfter Brief. Der Mann trägt Guerlain.

  1. Liebe Phyllis,
    wird es noch weitere Brief von L. geben? Es stehen, nun nicht Versprechen, aber doch Lockungen im Raum: die Schule, das Fest im Institut…Oder ist die Reihe nach der Abreise (ab-) geschlossen? Das wäre schade, finde ich.
    Herzlichen Gruß (schwitzend, Schreibtischplanschbecken sind ausverkauft)
    Melusine

    • mal ganz ehrlich – ich würde dieser verklemmten frau den laufpass geben.
      schon alleine derer komische sprache ist nicht unbedingt witzig für mich.
      oder L. findet zu einer fast schon elementaren Wendung.
      Sie wird lasziv – sie fängt an sex zu haben und darüber zu sprechen ( diesen sex schön gründlich zu beschreiben ) anstatt sich nur in konventionellen, upperclass – protagonistinnen – fantasien zu bewegen.
      vielleicht begegnet sie ja dem befreier, dem dichtenden gerüstbauer mit dem waschbrettbauch und dem erfrischungsgetränk in der hand, der sie in das elementare der liebe einführt :
      in die hochenergetische bewegung.
      und in philosophische kontexte.

    • Ja, liebe Melusine, ich denke, L. hat Potential. Und deswegen wird sie auch weiter von sich hören lassen. Im Gegensatz zu Lobster mag ich auch ihre Sprache und würde sie allein deshalb schon vermissen…

    • dieser typ ist aber ein schelm und kein working-class-advertising-hero.
      er veranlasst sie auf den strich zu gehen, noblen escort, kein kiezgelulle, so bewundernswert das auch immer sein mag.
      er selbst darf dann endlich den heissbegehrten und noch sozialverträglichen mx5 fahren
      oder ein schnulliges käfercabrioschätzchen aus den 60ern und sich endlich etwas vertiefter
      mit derrida und lacan beschäftigen.
      sie gerät in ihr element, wird durch massiven kokskonsum vorlaut, geradezu pampig und serviert den philosophierenden dichter schliesslich zugunsten eines gebrauchtwagenhändlers für edelkarossen aus mönchen-glasbach oder donau-eschingen ab.
      kinderwünsche sind hierfür der anlass, wozu erst einmal eine drogentherapie notwendig wird.
      L. wurde schlicht und ergreifend emotional von dem weissen puder abhängig.
      naja – bin irgendwie ein romantiker und liebe happy ends, klar.

    • L. sitzt nicht auf dem gleichen Sofa wie Tarantinos Drehbuchschreiber. Aber warten Sie’s mal ab, ich glaube, Sie unterschätzen unsere kultivierte Lady.
      Und mich vielleicht auch: Abgründe im bürgerlichen Lager, auch aus einer so genannten Hochsprache heraus, sind interessanter als Slapstick. Finde ich. Nix gegen Tarantino, by the way. L. kommt aber langsamer, und anders, aus der Reserve.
      Ohne dogs.

    • @lobster Mich interessiert: rasiert (oder zupft) er sich die Brusthaare? (Über dieses generation-gap wollte ich schon lange mal was schreiben? Alle deine Phantasien könnten daran scheitern. 😉 (Falls L. meiner Generation angehört.) Ansonsten: Das ist alles sooooo langweilig. Sie könnte ja auch mal ihn auf den Strich schicken. Das wäre neu. Schwieriger wäre dann die Sache mit dem Element…

      @Liebe Phyllis, ich interessiere mich auch mehr für “die kultivierte Lady”. Slapstick darf aber durchaus sein. (Ich sage nur “Spritzpistole” – habe mir gerade eine geholt. :))

    • Mir will es so erscheinen, dass mit dem “Morgenstern” und der “Flucht” ein breiter Landstrich zu fazinierenden Phantasiewanderungen einlädt. Ich glaube sehr fest daran, dass L. noch einiges offenbaren wird…

    • @melusine Slapstich “kann” ich nicht… doch Sie können mir gerne, wenn im weiteren für L. welcher anstünde, auf die Ihnen eigene behutsame Art einen Stups geben : )

      (Kann slapstick, sehe ich gerade, noch nicht mal richtig schreiben..)

    • wen, melsuine, den sago oder den anderen ?
      ( … also auf den strich schicken )

      ansonsten war da noch nix von brusthaaren irgendwie.
      also L. veranlasst dr sago für sie auf den strich zu gehen.
      noblen escort, kein …

      naja – quittierte diesen vorfall schon mit einer affirmativen und edlen geste.
      ( … nicht im sinne flussers, sondern im sinne eines müden, kleinlaut gewordenen durchschnittspubertierenden )

    • @lobster Geschichten folgen ihren eigenen Regeln. Eine Komödie ist meine jedenfalls nicht, aber auch kein Bildungsbürgerinnenausflug. L. ist ein mögliches Alter Ego, in einer früheren Zeit angesiedelt. Ich erfinde sie aber gerade erst, und zwar mit jedem Brief ein bißchen weiter. Wäre sie allerdings so betulich, wie Sie sie wahrnehmen, hätte sie nicht jahrelang einen Morgenstern zwischen den Schenkeln getragen: ich vermute ja, die Kleine hat schon eine ganze Menge sexueller, und schräger, Erfahrung. Selbst ihre Sprache ist vielleicht nur gespielt – eine solche Andeutung gab ja der letzte Brief.

    • selbstverständlich ist ihre sprache nur gespielt – geschichten folgen doch stets ihren eigenen regeln !
      oder aber sie selbst brächen diese eigenen regeln und zwängen dieser geschichte ihre eigene prägung auf.
      das wäre vielleicht auch ganz interessant.

      naja der lobster wollte doch nicht gestört haben, lady phyllis.
      sie müssen ihm doch nichts von dem, was sie machen, ihm erklären oder sich gar ihm gegenüber rechtfertigen.
      noch ist das alles doch kunst.
      und dieser kunst steht es doch frei, was sie sich verpflichtet fühlt, muss sie sich verpflichtet fühlen.
      am ende fühlt sie sich halt der grösstmöglichen freiheit verpflichtet und dann folgt sie ihren eigenen regeln, welche sie dazu veranlassen, dass ihre sprache nur gespielt ist.

      * versteht mal wohl wieder nix der lobster *

    • Gestört? Nicht doch. Süß, wie Sie sich immer entschuldigen: Sie würden gut nach England passen, da entschuldigen sich die Leute auch andauernd. Meine Schwester, die dort seit Ewigkeiten lebt, ist inzwischen auch so höflich geworden, dass sie bei ihren Deutschlandbesuchen manchmal wie ein Baiser auf Schwarzbrot wirkt : )

    • wie charmant sie wieder einmal sein können, lady phyllis !!!

      oh könnt ich nun doch schmelzen, dann wär ich aber gerne vom schwarzbrot runter.
      hey – gibt’s da nicht vielleicht auch noch black water ( = coffee ) ?

      * das jetzt knuddelige lobsiebaby, gütlichst umhalst werden wollend *

    • *gütlichst umhalsend*

      : ))
      bin im Eimer, Lobs… Aber gütlich geht immer. Mann, mann, was ‘ne Rückkehr. Syra Stein hat absolut Recht: die Seele braucht zweidrei Tage länger als der Körper. Mindestens.

    • oh das umhalsen tut dem gelegentlichen kleinkindsimulierer lobster manchmal wirklich gut !

      naja – lassen sie sich nicht von sonem lobsiebaby einlullen oder hinterhältig aus ihrer L.-geschichte herausholen.
      aber sie hatten ja diese schelmische kleine schwäche meinerseits sehr liebevoll und generös durchschaut…

    • ich war eben etwas zu forsch.

      möge der fluss die kühle atmen
      die kühle entrückender ströme
      hin zur erholung
      wohlgeratener zeit !

    • das frühe chaos fängt den text.
      naja – mir fehlt ein wort,
      um es mal vor den augen der öffentlivhkiet zu
      verlautbaren oder so.
      schalmeien.
      salbadern.
      kontakt aufnehmen.
      weiter sehen.
      forsch sein.
      ( eule )
      verschämt sein.
      unangenehm riechen.
      migräne haben.
      stechenden kopfschmerz.
      kommerz.
      – ialitäten.
      ein pochendes geräusch.
      und der nachbar.
      naja –

    • welches wort sucht den zeitbegriff ?
      so eine art wollen.
      werde der / die / das / wir / nser /du bist nachlässigst weil du nein n, mach das nicht das ist schlecht für uns.
      korruption.
      skandal. aufruhr.
      an der ruhr.
      möchtegern allein sein.
      hab noch etwas vor.
      allein sein.
      die alleinaaaaaaaaaa7sein dyade.

    • naja ich werd wohl noch eine zeitlang das monsterrabbit spielen und dann vielleicht schon gefragt haben wieso ihr so zerrissen seid ?

    • naja, talents, das war noch nicht alles aller zeichenhaftigkei erklärt, aber das lässt zumindest für spekulationen hoffen.
      Ihres Zeichens ein hochwohlgeborener Dorn im Auge der/des Betrachtsinns erfüge bich michnun kaum echauffierter Laune.
      Sekt sälls

  2. Geehrte, liebe Frau L., die Sonne wenn auch nicht K.s, so doch immerhin >>>> der Serengeti leuchtete mir brennend ins Ohr, daß sie Ihre Briefe, also weitere, nächste, sehr, nämlich brennend, vermisse – und trug mir auf, Ihnen dieses mitzuteilen. Was s e i denn nun um diesen geheimnisvollen Mann, der den ägyptischen Rufen von der Straße die tiefen Laute des Nordens beizugeben wisse.

    Und ich, ja, ich – – schließe mich dieser drängenden Sonnenfrage an.

    Ihr

    ANH

    • Es ehrt mich natürlich, dass selbst die afrikanische Sonne an L’s Abenteuern Anteil nimmt. Und dass Sie, der Sie weidlich beschäftigt zu sein scheinen in der Serengeti, Zeit finden, mir und L. ihre Grüße auszurichten. Man dankt. Und wird in Bälde neuen Bericht aus K**** erstatten.

    • Kommt “weidlich” von “Weide”? Dann, verehrte Phyllis Kiehl, fürchte ich, daß, gäbe ich das weiter, eine Jemandin schwer beleidigt wäre, weil jemand, zumal eine Mitfrau, sie für vegetarisch disponiert hält. Hab ich denn wirklich – das wäre unentschuldbar – einen solchen Eindruck vermittelt? Nein, Frau Kiehl, ich m u ß das korrigieren: Blut, ruft es, Blut!

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