Dritter Brief. Nicht nur die Augen weiden.

K****, 12. Juni 2010

Guten Morgen, verehrter Dr. Sago,

Sie finden Ihre Lieblingspatientin bestens gelaunt! Das bin ich doch, oder? Ihre Lieblingspatientin? Ich wünschte, Sie wären nicht so schrecklich formell! Ah, einmal möcht’ ich Sie aus der Fassung bringen, oder zumindest aus Schlips und Jackett!
Entschuldigen Sie. Der Überschwang. Es sind die Menschen hier! Allein, wie sie sprechen und singen, schnurren und gurren. Da ist ein Tanzen in den Stimmbändern bei Mann und Weib, ein aus allen Kehlen sich unablässig sammelndes Wesen aus Tönen, das durch die Straßen zieht wie ein Irrwisch und mir den Kopf verdreht. Und die Kinder! Sie wissen, ich verabscheue die kleinen Biester. (Wie viel haben wir daran schon gearbeitet, und mit wie wenig Effekt!)
Hier… nun, ich lasse sie um mich herum quirlen und schnattern, Sie hätten Ihre Freude an mir. Nur eines, das mir partout nicht vom Rockzipfel ging gestern Nacht, musste ich schlagen. Die Wucht meiner Backpfeife war indes genau bemessen, das Wergel blieb ohne bleibenden Schaden. Die Mutter, nahbei sitzend, schreckte beim Greinen ihres Sprösslings von einem Gespräch hoch, ich hob beide Hände in entschuldigender Geste; da drohte sie mir nur, mit gestreckter Handkante die Kehle entlang fahrend. Ah, ich muss mich zu beherrschen lernen! Gut, dass die Männer nicht böse wurden. Oder nicht werden wollten?
Sie wissen, ich liebe falsches Haar, drei meiner Perücken brachte ich mit hierher. Eine vierte, im Vergleich mit den Preisen in der Heimat lächerlich preiswerte, erwarb ich am Tag meiner Ankunft in einem kleinen, mit Ware zum Ersticken gefüllten Laden, auf den ich zufällig stieß. Es sind aber jene von zuhause (für die ich kleine Vermögen ausgebe, wie Sie wissen), die mich bei diesem Klima zur Augenweide machen. Viele Frauen hier tragen falsches Haar, doch oft spreizt es sich ab wie Draht… Billigware. Ist Augenweide nicht ein wunderschönes Wort, Doktor? Ich sehe Sie vor mir, Ihre grauen Augen! Einmal, vor langer Zeit, erhielt ich den Brief eines Mannes, der mich bei einem Empfang meiner Freundin G*** den ganzen Abend nicht aus dem Blick gelassen hatte. Der Umschlag enthielt nur diesen einen, ganz unten auf dem Bogen notierten Satz:
„Ich werde Dich weiden.“
Das habe ich Ihnen nie erzählt, nicht wahr?
Doch ich schweife ab.
Spät geworden ist es dabei; im Nebenraum wird mein Frühstück angerichtet. Selbstverständlich werde ich erst hinüber gehen, wenn alle Geräusche verstummt, die Bediensteten gegangen sind: ich weiß sehr wohl, was sich gehört hier.

Der Regen setzt ein.

Immer, auch aus der Ferne,
ganz Ihre
L.

7 Gedanken zu „Dritter Brief. Nicht nur die Augen weiden.

  1. Das erinnert mich an meine neue Rubrik, die ich seit Wochen eröffnen will. Briefe an meinen Therapeuten. 🙂
    Gerne gelesen, und ich seufze mal im Duett mit E. Faust: Wie schön!

    • Briefe an meinen Therapeuten ob sachlich oder fiktiv, ist eine wunderbare Rubrik. Ich selbst nahm Groddeks Briefroman “Buch vom Es” mit auf die Reise, quäle mich aber etwas damit, trotz des amüsanten Stils. Einen Briefroman in umgekehrter Perspektive, aus der Hand einer Frau an ihren Therapeuten, dachte ich mir, könnte man anders schreiben. Und da tauchte plötzlich L. auf…
      (Marguerite Duras: „Ich empfand plötzlich das Bedürfnis, ein neues Buch von mir zu lesen. Also habe ich eines geschrieben.“)

      Ich hoffe, liebe Terpsichore, Sie lassen sich ein wenig inspirieren und legen Ihrerseits los : )

  2. Ich liebte Dr. Sago, aber mehr noch die Bueffel. Wuerde es nicht Zeit, dass Sie ihren Lesern Fat mountain nochmal vorstellen? Dr. Sago gewoenne eine ganz andere Dimension, auf diese Weise.

    • Ich auch. Eben deswegen aber ist es nun nicht Ebba, die Hauptfigur meines Romans “Fat mountain”, die ihm schreibt, sondern eine neue, deren Beziehung zu ihm eine ganz andere ist: ich erforsche sie, während ich sie schreibe.
      Auch Dr. Sago, der im Roman weniger als Mann denn als mystische Figur zu verstehen ist, wird im neuen Manuskript (wenn es denn eines wird, ein Briefroman nämlich) anders erfunden werden. Als neue Projektionsfläche.
      Ich habe mit Absicht nicht Bezug auf Fat mountain genommen, den Leserinnen und Lesern von TT den Kontext nicht nahe gebracht: weil ich frei schreiben will. L.’s Geschichte hat eben erst begonnen. Nun werden Sie mit Recht fragen, warum ich denn überhaupt den Namen des Dr. Sago noch einmal verwende? Keine Ahnung. Ich hatte so einen Instinkt, er würde mich zum Laufen bringen. Mich verbinden mit mir selbst. Und genau so ist es.

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