Die Geschichte von der Frau, die nicht musste

(A Tribute to Ursula Wölfel )

Einmal morgens hat die Sonne durch die grünen Vorhänge geblitzt. Da ist die Frau aufgestanden und nackig, wie sie war, in ihrer Wohnung herumgelaufen. Dann hat sie aus dem Fenster geschaut. Die Männer von der großen Baustelle gegenüber von ihrem Fenster haben auch geschaut. Dann hat die Frau ein bisschen auf dem Wäschetrockner im Flur rumgesucht, was sie anziehen will, aber die Sachen waren noch nicht trocken. Da hat sie gedacht, gut, leg ich mich eben wieder ins Bett. Kann ja nicht nackt in die Stadt.
Das Fenster in ihrem Schlafzimmer stand offen und die Frau hat hören können, wie ihre Nachbarn zur Arbeit gingen. Sie selbst war noch nie zur Arbeit gegangen. Eigentlich wusste sie gar nicht, was das ist. Komisch, wenn die Nachbarn erzählten, dass sie wieder den ganzen Tag Sachen für jemand anders gemacht hatten. Die Frau hat früher manchmal nachgefragt. Weil sie wissen wollte, wie das ist, von jemandem gesagt zu bekommen, was man machen soll. Die Nachbarn haben immer gesagt, es ist schön, weil sonst würde uns die Decke auf den Kopf fallen. Die Frau hat diese Antwort nicht verstanden und irgendwann aufgehört, zu fragen.
Die Frau, die warten wollte, bis ihre Kleider trocken sind, hat sich zurück ins Bett gelegt. Dann hat sie ihre Beine betrachtet. Sie hat die kuschelige Bettdecke abgestreift. Es ist nämlich sehr warm gewesen draußen und eilig hat sie es ja auch nicht gehabt. Und dann, ganz ohne Grund, hat die Frau ihre beiden Beine sehr genau betrachtet. Erst hat sie das eine ein wenig angezogen, dann das andere, dann beide zusammen. (Auf dem rechten war ein blauer Fleck)
Zwei Stück, hat sie gedacht. Ich könnte ja auch drei haben. Aber dann müsste ich zum Schneider und mir Hosen mit drei Beinen nähen lassen. Ich wäre die einzige, alle anderen könnten in normalen Geschäften kaufen.
Sie hat ihre Knie angeschaut. Dann hat sie ihre Hände darauf gelegt, eine rechts, eine links. Draußen vor ihrem Fenster haben Autos gehupt. Zwei von allem, hat die Frau gedacht, wir haben zwei von allem. Doch dann ist ihr eingefallen, dass das nicht stimmt. Ich hab ja nur einen Mund! hat die Frau gedacht. Was wäre, wenn ich zwei hätte? Würden die dann beide das gleiche sagen? Das konnte sich die Frau nicht vorstellen, dass die Münder beide das gleiche sagen würden. Gäbe ein ganz schönes Kuddelmuddel, hat die Frau gedacht und musste ein bisschen lachen. So ein Kuddelmuddel. Gut, dass wir nur von den Sachen zwei haben, die sich nicht widersprechen können.

Für F.B.

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