Därr Bär

Ich hab’ so einen Herbstinstinkt, mir Fettreserven für den Winterschlaf anzufressen, der mir inzwischen ganz vertraut geworden ist. Nun bin ich kein Bär im eigentlichen Sinne. Doch irgendeine uralte Verschaltung in meinem Gehirn sagt mir, ich soll das machen. Widerstand zwecklos: Der Befehl kommt aus dem ältesten Hirnareal, ganz hinten, wo die Unmittelbarkeit sitzt. Wer bin ich junges zivilisiertes Bewusstsein, dem zu widerstehen?

Mit den Jahren hab’ ich mich darauf eingestellt, in den kalten Monaten diese Speckpackungen mit mir rumzutragen. Ich merke es am Hals, wenn ich den Kopf senke, das Kissen unterm Kinn ist bedeutend weicher als im Sommer. Von den anderen Kissen gar nicht zu reden. Aber stört das einen großen Geist? Nee. Im Vergleich zum Bären stehen mir ausgewählte Speisen zur Verfügung, mich zu mästen, und meine Höhle ist warm. Offizielle Verlautbarung: In den nächsten Monaten kann entspannt bei mir Futter gefasst werden. Ich koche immer mindestens für vier. Mitbären meldet euch, bevor ihr vom Fleisch fallt; der Winter wird lang.

Noch ein Nachtrag zu Marc Aurel. Nach der Bettlektüre erspann mein Unterbewusstsein heute Nacht folgendes: Eine Art telepathische Wespe erkor mich als Zielobjekt. Erst saß sie mir immer auf dem Arm. Da war ich noch schlichtweg neugierig und achtete darauf, sie nicht versehentlich abzustreifen. Später, als sie mein Nasenloch zum Aufenthaltsort erwählte (sie kroch mit dem Kopf zuerst hinein) wurde der Alltag etwas schwierig. Denn die Wespe, das wusste ich, wachte über die moralische Substanz meiner Handlungen. Wäre sie nicht einverstanden mit etwas, das ich tat, würde sie mich stechen. Heute Morgen erinnere ich mich deutlich an das merkwürdige Gefühl in meinem Nasenloch.
Eine telepathische Wespe als moralische Instanz!
Überlegt euch gut, was ihr lest vor dem einschlafen.

Ein Gedanke zu „Därr Bär

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