Gulliver

[…] Ich bin verletzt. W a r verletzt, sagen die Winzlinge, sei nun geheilt: Der Chirurg, daumengroß, stieg über Wade und Oberschenkel meine linke Hüfte empor, trieb die Bohrstange mit der Seilwinde in mein Fleisch, über der Taille durch Fett und Muskeln bis an die Quelle des Schmerzes. Schnitt mit seinem fast unsichtbar kleinen Messer dort. Ich schlief. Während ich schlief geschah das alles. Sehen Sie, der gewölbte Deckel über meiner Wunde, ich kann ihn aus dem Augenwinkel sehen; der Winzling hat das Loch nicht vernäht. Ich glaub’, für den Deckel nahm er das, was sie hier für Silikon halten. Könnt’ ich doch kurz, nur ganz kurz einmal dorthin fassen! Meine Glieder gehorchen mir nicht.
Vielleicht müsse er noch mal hinein, erklärte der Däumling. Selbst wenn er mit dem Trichter direkt in mein Ohr brüllt, klingt seine Stimme wie das Zirpen der leisesten Grille.
Noch mal hinein… Wann wird die Empfindung in meinen Leib zurückkehren? Werden sie mich ziehen lassen, die Kleinen? Mit welcher Wonne sie auf mir herumspazieren!
Sie lieben meine Hüfte; sie lagern dort. Zwei Dutzend von ihnen sind gerade jetzt dort versammelt, mindestens, ich spüre sie. Nur jene, die Absätze tragen, die barfüßigen nicht. Eben rollt etwas an meinem Bauchnabel vorbei. Vielleicht jemand hat ein Schuhchen verloren.
Sie haben Gerüste aufgestellt, mich zu ersteigen: gegen Haken und Seile wehrte ich mich, ich bin nicht Shai Hulud. Doch wenn ich die Stimme erhebe, beben ihre Häuser und Brücken in den Grundfesten. Immerhin.
Ich liege auf der Seite, wegen der Wunde. Sehe aufs Meer. Es war mein Wunsch, sie möchten mich umlegen während ich schlief; die Lähmung hat inzwischen alle Gliedmaßen erreicht.
[…]

6 Gedanken zu „Gulliver

  1. Shai Hulud Auch der Wurm erweht sich der Haken und Seile, nur versteht er nich genug, um sich wahrlich zu verteiding, stattdessen wird er durch klopfen gelockt. Fuehlte sich Gulliver durch’s klopfen gelockt?

    • Danke für das Kompliment und den Willkommensgruß.
      Dieser Name war selbst gewählt, an ihm zog ich mich aus meinen dunklen Fluten und verlor mich in Die Dschungel, sein Widererkennungswert ist hoch und meine Wünsche kommen von ganzem Herzen. Sonst wäre ich nicht hier.

      Das ist in der Tat ein sehr schönes Gedicht und so schön vieldeutig am Ende.

    • Mein Anadyomene Lieblingsgedicht:

      Die Karsavina vom russischen Ballett tanzt

      Ach, wenn ich Engelszungen hätt’!
      Der Zar ist tot.
      Es lebe sein Ballett!

      Ich gäbe meiner Jahre zehn,
      Hätt’ ich die Pawlowa geseh’n.
      (Nijinski sprach ich in der Schweiz:
      Er war ein wenig blöd bereits
      Und doch von stark barockem Reiz.)

      Die Karsavina tanzt den Walzer von Chopin:
      Glaube, liebe, hoff’!
      Verzweifelt hing ihr oft am Hals er,
      Der Partner namens Gawriloff.

      Die Karsavina war wie Schwäne
      Auf schwarzen Weihern manchmal sind.
      Sie stieg wie Anadyomene
      Aus Schaum und Wolken, Licht und Wind.

      Sie schwebte wie ein goldner Vogel
      Hoch über Busch und Baum und Kogel.
      Man sah im Himmel sie vergeh’n:
      So hoch, so fern, ein blasser Stern…
      (Auf Wiedersehn! Auf Wiedersehn!)

      Ich hielt mich fest an meiner Lehne,
      Sie floh, um auch sich selbst zu flieh’n.
      Und mir ins Lid stieg eine Träne,
      Und die war nicht von Glycerin.

      Wer irdisch nur, kann also schweben,
      So lächeln nur, wer viel erlitt.
      Komm wieder, du geliebtes Leben,
      Und bring’ den andern Partner mit!

      (Klabund)

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