L’escargot, die Schnecke, franz.

Das zweite Mal, dass ich im Atelier aufwache. Keine Rückenschmerzen. Klarer Kopf, obwohl ich mir gestern Wodka mit Orangina hinter die Binde gekippt habe. Pastis war gestern, inzwischen trinke ich Wodka, doch nur so viel, dass die Stimmen leiser werden, die mich schon platt machen wollen, bevor ich überhaupt angefangen habe. Meine eigenen.
Ich schlafe gut hier. Bin auch nur aufgewacht, glaube ich, weil ein Sänger mit seinen Tonleitern anfing. Dazu eintönig das Klavier, das die Tonfolgen vorgibt. Der Klang der professionellen Sänger, die ihre Übungen rauf und runter singen, ist mir vertraut aus früheren Tagen; ich hab die klassisch ausgebildeten Stimmen immer gerne gehört. (Wie angenehm es sein muss, genau zu wissen, was man zu tun hat! Die Arbeit an der Stimme, Reproduktion bereits bestehender Musik – mag sein, auch Neuinterpretation… zumindest ist schon was da)

Ich habe ein wunderschönes Studio (viel zu schön für dich, flüstert eine Stimme in meinem Kopf, eine von denen, die ich zur Vollendung ausgebildet habe) im vierten Stock eines Gebäudes, das ich vorher noch nie betreten habe. Die Stufen zu mir hinauf sind aus Stein mit einer Holzkante und so abgewetzt, als seien sie Jahrhunderte alt. Mag sein, sie sind’s. Sie fangen im Erdgeschoss breit an und werden nach oben hin immer schmaler, als würde man ein Schneckenhaus hochsteigen. So fühlt es sich an. Ich hatte mir ein Schneckenhaus gewünscht, da ist es. (Ein erhabener Moment das, wenn ein Wunsch einfach mal so plopp! in Erfüllung geht, ohne dass man gleich sein ganzes verdammtes Leben dafür auf den Kopf stellen muss)
Hier werde ich meine Ruhe haben. Die Franzosen sagen: etre dans sa bul, wie ich heute gelernt habe – in seiner eigenen Blase sein.

Aufgang zum Schneckenhaus

Von einem Fenster aus kann ich auf den Hof meines früheren Ateliers herunterschauen, bleibe einen Moment stehen und werfe einen Blick darauf, bevor ich meine Tür aufschließe. Hinter den Vorhängen ist wieder jemand, klar. Gleicher Kubus, neuer Künstler. Wir sind austauschbar. Kann sein, dass wir tatsächlich austauschbar sind. Viele von uns haben Talent, Herz, Phantasie. Intelligenz. Wohin mit all den Künstlern? Wer braucht so viele? Wenn wir uns nicht selbst individuellen Wert zugestehen, sind wir aufgeschmissen. Abgrenzen und Durchboxen sage ich. (Oder, amerikanischer: Den Claim abstecken künstlerisch und dann auf jeden ballern, der sich zu weit aufs eigene Gelände vorwagt. Har, har.)

Die beiden Damen am Empfang erkannten mich wieder, als ich Freitag ankam. Meinen Koffer hatte ich eine halbe Stunde über Gehwege und Brücken gezerrt, kein Taxi zu finden, Untergrund wollte ich nicht. Blöder Geruch dort unten im Sommer.
Egal.
Durchs Portal.
Drin.
Und schau, die wilde Freude, die mir den Kopf erhitzt, während ich den ausgebeulten Metallkoffer abstelle: Mein Lächeln eine brennende Zündschnur, die mich womöglich gleich hier vor dem schweren, eindrucksvollen Pult von Madame C. zur Explosion bringen wird.
PAFFFFffffff!!!!!
Madame C., nichtsahnend, steht auf und biegt auf Stilettos elegant um den Tisch. Küsschen.
– Bonjour.
Auf ihrem Gesicht liegt reines Wohlwollen.
– Bonjour Madame kläffe ich. Ich hab Mundgeruch, ein Sushi von vorhin, eben hatte ich noch dran gedacht, mir ein Schweizer Kräuterli reinzustopfen, bevor ich irgendjemanden küsse, jetzt ist’s zu spät. Egal. Ich fühl’ mich wie ein Welpe, ich könnte pissen vor Freude. Mich auf den Rücken schmeißen, den nackten Bauch zeigen und einfach lospissen. Ich könnte ihr einen Welpentanz auf ihrem dollen ollen Rezeptionistinnentisch aufführen!
Sie lächelt:
– Sie haben eine neue Frisur.
Ich muss kichern.
– Sie aber auch! Die Farbe etwas dunkler?
Ich nehme eine Strähne ihres Haars zwischen die Finger.
– Nein, so wie immer.
Oh… Sie haben diesmal aber ein schönes Atelier, sagt sie anerkennend, während sie meine Unterlagen in der Mappe aus lachsrotem Flatterpapier durchblättert, die schon bereit liegt. Auf alle hier in der Cite Internationale des Arts wartet eine dieser farbigen Papierhüllen, die wir später in die noch leeren Schubladen unserer schwarz-weißen Schreibtische legen: Kopierte Anweisungen im Falle einer emergency. (Imörgensi auf französisch) Wichtige Telefonnummern. Einladungen zu Konzerten und Lesungen.
Ich fülle meine Formulare aus.
– Das war’s, oder?
– Ja, erwidert Madame C. freundlich. Ist der Koffer schwer? Das Atelier hat keinen Aufzug.
– Ziemlich.
– Ich werde Joseph bitten. Ein paar Minuten Geduld.

Da kommt Monsieur Joseph.
Ich springe auf:
-Bonjour!
Er winkt.
Monsieur Joseph ist ein Schatz, der diese Tatsache gerne für sich behalten möchte. Dunkle Haut, ein wenig korpulent. Sehr zurückhaltend. (Einmal, vor Jahren, versuchte ich, ein richtiges Gespräch mit ihm zu führen, erkannte dann aber schnell, wie unbedacht das war. Denn ich erwartete nichts von unserem Austausch. Er jedoch entflammte nach kurzer Zeit und erwartete dann viel, erwartete Realität statt Etikette, wie mir damals schien. Mehr zumindest, als ich anzubieten bereit gewesen war)
Monsieur Joseph hat sich nicht verändert.
Er trägt sein dunkelblaues Jackett mit den goldenen Knöpfen. Seine Schuhe sind blank poliert, wenngleich alt. Ihm einen anderen als den offiziellen Ausdruck auf sein rundes Gesicht zu zaubern, war mir beim ersten Mal in der Cite des Arts ein dringendes Anliegen. Heute weiß ich, dass er das Gesicht hat, das ihm ansteht. Es schläft in unserer Gesellschaft. Wer es wecken will, sollte wissen, warum.

Er ließ mich allein, später, nachdem er sich in gewohnter Sorgfalt vom tadellosen Zustand des Ateliers überzeugt und ich seine Inventarliste unterschrieben hatte. (Kreuzchen für fehlenden Wäschetrockner)
Nachdem er behutsam die Tür hinter sich zugezogen hatte, begrüßte ich, halb erstickt vor Dankbarkeit, die Lampen, die schwarzen Sessel (diesmal zwei, das ist schon Privilegiertenstatus), den Schreibtisch, die kleine schwarze Lampe und das Bett. Die karierte Decke. Jeweils vier Messer, Gabeln, Gläser und Teller im Schrank unter der Kochplatte. Alles in einwandfreiem Zustand und darob auch ebenso von Joseph auf der Inventarliste vermerkt.
Seit Jahrzehnten tun die Möbel der Cite Internationale des Arts ihre Pflicht: Starke schwarze Metallstreben mit runden Ecken, eierschalfarbene Oberflächen. Betten, so reduziert in Form und Gewicht, dass man sie als Einzelperson problemlos wegtragen und woanders aufstellen kann. Zusätzlich vier Böcke mit zwei Platten. Wehmut überkommt mich, wenn ich diese robusten Objekte betrachte. Ihre Selbstverständlichkeit, darum beneide ich sie glatt. Falls man unbelebte Dinge überhaupt um etwas beneiden kann.

Ein Gedanke zu „L’escargot, die Schnecke, franz.

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