„Softcore“ von Tirdad Zolghadr

Lest das mal.

Wenn ihr (wie ich vermute) Kehlmanns „Vermessung der Welt“ schon kennt, die ich letzte Woche empfehlen wollte. (Die mich in Bann gezogen hat wie der Hase den Windhund, bis ich verdattert feststellte, dieses Rennen ist längst gelaufen und es wäre völlig lachhaft gewesen, mich den Lobpreisungen der anderen anschließen zu wollen, wo doch zur Zeit ganz andere, heiße Talente über die Bahn hetzen)
Wie Tirdad Zolghadr, beispielsweise.
Auf den ich dank C. aufmerksam wurde, in deren Londoner Bleibe ich kürzlich unter afrikanischen Leintüchern eine Nacht verbringen durfte, mit Softcore. Was mich einige Stunden Schlaf kostete.

Softcore, ich muss es euch sagen, handelt nicht von Sex. Auch nicht von der Verleugnung von Sex.
Ehrlich gesagt (bin auf der Mitte) hat bislang überhaupt nichts derartiges stattgefunden, außer einer kleinen Ein-Satz-Erwähnung von Fellatio irgendwo auf dem Wege. Nein, Softcore handelt von Teheran.
Ein Ich-Erzähler kommt aus dem Ausland ins Teheran der Jetztzeit zurück, um eine Art Avantgarde Cub, den seine Großmutter in den 70ern führte, als Galerie wiederzueröffnen.
Das Buch spielt in den Wochen vor der Eröffnung. Der Protagonist erlebt so manches, worauf ich jetzt nicht weiter eingehen muss. Das Teheran, durch das wir streifen, von seinem zynischen, superschlauen, abgeklärt überspannten Blick geleitet, ist so absurd, dass man sich unwillkürlich wünscht, es möge echt sein. Der Autor möge echt sein. Die Story der Fremdenlegion-Großmutter Zsa Zsa möge echt sein.
Nun, zumindest was den Autor angeht: Ich wage zu behaupten, er schreibt wie eine arrogante Mischung aus Bret Easton Ellis, David Sedaris und Kehlmann: Stil, Humor und kühler Intellekt. Viele Informationen pro Satz, alle unterschiedlich einzuverleiben. Softcore schmeckt würzig und heavy, wie Pastete. Kann ich empfehlen.

Mal reinhören?

http://podster.de/episode/640397

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